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Das Zelt · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 104

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 104 (sequence 32)
Language
German
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PROFESSOR SIGMUND FREUD DER BEGRÜNDER DER PSyCHOANALySE VON DR. THEODOR REIK Es fällt uns sicher schwer, uns vorzustellen, wie das Urteil künftiger Generationen über die Leistungen unserer Gegenwart sein wird, aber es ist als sicher hinzustellen, daß der Name Sigmund Treud als eines der größten Männer fortleben wird. Dieser Name ist nicht nur mit der Begründung einer neuen Wissenschaft verknüpft was wir Psychoanalyse nennen, ist heute bereits in den grundlegenden Ansichten und Resultaten Gemeingut der Gebildeten aller Länder geworden. Die Psychoanalyse repräsentiert schon ein entscheidendes Stück Weh> und Lebensanschauung, deren tiefgreifende Auswirkungen für die Entwicklung der Menschheit wir jetzt nicht absehen können. Es liegt einer der wenigen Fälle vor, in denen eine ursprünglich eng begrenzte wissenschaftliche Problemstellung und =lösung in relativ kurzer Zeit — die Analyse ist nicht älter als dreißig Jahre — ihre Grenzen so sehr gesprengt hat, daß sie nicht nur für die meisten anderen Wissenschaften entscheidende neue Gesichtspunkte geliefert hat, sondern auch die Fragen unseres gesamten sozialen und kulturellen Lebens in neuem, überraschendem Licht zeigt. Sigmund Treud ist 1856 in Freiberg in Mähren geboren. Er absolvierte in Wien das Gymnasium und studierte Medizin,- schon als Student wurde er Demonstrator bei Ernst Brücfie. 1884 sprach Treud die Vermutung der anästhesierenden Eigenschaft des Kokains in einem Fachblatt aus, die Karl Koffer aufgriff und die zur Anwendung des Kokains in der Lokalanästhesie durch diesen Forscher führte. In den Jahren 1886 und 1887 studierte Treud bei dem berühmtesten Neurologen seiner Zeit Cßarcot an der Salpetriere in Paris und beschäftigte sich namentlich mit jener rätselhaften Krankheit, die wir Hysterie nennen. Treud hat es selbst einigemale, zuletzt in seiner Schrift »Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung« dargestellt, wie er in Gemeinschaft mit dem Wiener Arzte Josef Breuer dazu kam, ein neues HeiU verfahren der Neurosen zu entdecken, das die beiden Forscher das »Kathartische« nannten und das zu einer vertiefteren Kenntnis der Entstehung und seelischen Bedingtheit der Hysterie führte. Die Symptome dieser rätselhaften Krankheit schwanden, als es gelang, den Patientinnen ins Bewußtsein zu rufen, bei welchem Anlaß und durch welche Zu^ sammenhänge bedingt die Symptome aufgetreten PAUL KÖNIGSBERGER PROF FREUD waren und die damals nicht zur Abfuhr gelangten Affekte abzureagieren. Treud hat später die Forschungen allein weiter fortgeführt, die anfänglich benutzte Hypnose aufgegeben, aber auch das Bemühen der Psychoanalyse geht noch immer dahin, die Leidenssymptome der neurotisch Erkrankten auf ihre Quellen in der Lebensgeschichte zurückzuführen. Die Entwicklung der neuen Lehre führte zu bisher ungeahnten Einblicken in die Bedeutung des unbewußten Seelen^ lebens für das Entstehen neurotischer Erkrankung. Sie nötigte dazu, die Erlebnisse des Kranken immer weiter nach rüdcwärts zu verfolgen, von den seelischen Erlebnissen der Pubertät den Spuren der Liebes^ entwicklung des Kindes nachzugehen. So gelangte man zu der unerforschten Domäne der kindlichen 104

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