Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 106 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DIE SCHÖNE WOHNUNG Geschehens weitergeführt, die bisher unerreichbar waren. In Amerika und England, Frankreich und Holland sowie in den deutschsprechenden Ländern wächst die Bedeutung der Psychoanalyse in der wissenschaftlichen Welt immer mehr, der anfängt liehe, aus bestimmten Affekten entspringende Wider* stand ist im Abklingen und die Analyse scheint dazu bestimmt, nicht nur die erfolgreichste Methode der Heilung nervöser Krankheiten zu sein, sondern auch in entscheidender Art an den großen Umgestaltungen mitzuwirken, welche der Gesellschaft bevorstehen. Freuds Werke sind in alle Weltsprachen übersetzt und eine große internationale psychoanalytische Vereinigung, welche in vielen Hauptstädten Gruppen aufweist, hat sich ihrer Pflege gewidmet. Wie bei anderen großen Bewegungen, gibt es auch hier reaktionäre Strömungen, doch die Analyse wird ihren Siegeslauf durch die Kulturwelt trotz allem vollenden. Der nun siebenundsechzigjährige Forscher, dessen erste Bemühungen von den Fachgenossen verhöhnt wurden und der so lange die splendid Isolation ruhig und voll Selbstvertrauen ertrug, sieht heute, vom Weltruhm bestrahlt, auf einen Marsch zurück, der abseits von der Straße und unter schwierigsten Bedingungen zu einem Gipfel wissenschaftlicher Erkenntnis führte. Er selbst sprach in starken Worten die Ansicht, die ihn leitet, aus: »Menschen sind stark, solange sie eine starke Idee vertreten,- sie werden ohnmächtig, wenn sie sich ihr widersetzen. Ich kann nur mit dem Wunsche schließen, daß das Schicksal Allen eine bequeme Auffahrt bescheren möge, denen der Aufenthalt in der Unterwelt der Psychoanalyse unbehaglich geworden ist. Den Anderen möge es gestattet sein, ihre Arbeiten in der Tiefe unbelästigt zu Ende zu führen.« Professor Freud, der Erforscher des Unbewußten, ist einer der größten Geister, die das Judentum der Welt geschenkt hat. DIE SCHÖNE WOHNUNG VON MAX EISLER Eigentlich sollte es heißen: die gute Wohnung. Denn bei einer Wohnung kommt es nicht darauf an, daß sie schön, sondern daß sie beruhigend und behaglich, also daß sie gut sei. Und ist sie das, dann ist sie ~- in einem wesentlichen, lebendigen Sinne — auch schön. Allerdings, schön und schön ist zweierlei. In der gebräuchlichen Bedeutung des Wortes versteht man unter einer schönen Wohnung ein Paradestüd*, mit Persern belegt, mit sogenannten Stilmöbeln angestopft, mit Vitrinen voll allerhand mehr oder minder echten Kostbarkeiten und mit möglichst vielen Bildern an den Wänden. Also eine Art Museum, dessen Inhalt meist in einer nur fadenscheinigen Beziehung zu seinem Besitzer steht. Diese schöne Wohnung ist eine Sehenswürdigkeit, aber sie taugt nicht zum Wohnen. Sie dient dem Besucher, dem man ihre mannigfaltigen Sensationen bewundern läßt, sie bildet den Gesprächstoff unter den Bekannten, aber dem Inhaber bleibt nicht viel mehr als der Stolz auf sein erlesenes Eigentum übrig. Denn zum Wohnen ist sie zu schön. Ihr überall angehäufter Hausrat bietet eher ein Wohn* hindernis, die vielen disparaten Einzeldinge inter* essieren, sie irritieren statt zu besänftigen, und da sie gelegentlich dem wirklichen Wesen des Haus* herrn — seiner Herkunft, seinem Beruf und Gesichts* kreis — widersprechen, fühlt er sich gerade dann am wenigsten wohl, wenn er allein in seinen vier Wänden ist. Denn seine Wohnung hat alles, nur nicht das Edtchen, wo er zu sich selber kommen kann. Nun hat sich bei uns, nicht zuletzt durch eine Gruppe jüdischer Architekten, eine moderne Form der Wohnung entwickelt, die nicht schön, sondern nur gut sein will. Sie fußt in dem Milieu und in der streng logischen Denkungsweise des neuen Großstädters. Sie will weder draußen den falschen Prunk der Fassaden, den Lügenmantel proletarischer oder mittelbürgerlicher Zinskasernen, noch innen die sinnlose Ausstattung, die vielleicht nicht materiell, aber geistig über die tatsächlichen Verhältnisse ihres Besitzers lebt. Sie will nicht dem Besucher, sondern dem Bewohner dienen. Sie will den Raum, den die Anderen mit den Gegenständen ihrer Ein* richtung verhindern, wieder zu Ehren bringen und will ihn aus den Maßen und Bedürfnissen des Menschen gestalten, für den er bestimmt ist. Sie will den alten Sinn der Wohnung wieder erneuern : als des Menschen räumliches Ebenbild, als Spiegelung seines wirklichen Lebens, als eine Zuflucht aus der mühsamen Hast des Werktages, als eine Stätte 106