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Das Zelt · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 101 (sequence 29)
Language
German
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HEDW IG CASPARI Hedwig Caspari wurde am i. Mai 1882 in Berlin geboren. Am 19. August 1922 starb sie freiwilligen Todes, vierzigjährig. In äußerer Erscheinung von zarter blonder Mädchenhaftigkeit. Sie war Eine von den Vielen, die zerbrachen an der Unvereinbarkeit von Ideal und Wirklichkeit. Durch Familie, Ehepflicht und Mutterliebe bürgerlich gebunden, von künstlerischer Besessenheit gejagt, diese Bande zu zerreißen, in Freiheit zu schaffen, zu verkünden. Sie tat es. Doch sie war nicht stark genug, den steilen abseitU gen Weg zu wandeln, ohne Rückschau, ohne Reue, Entsühnung verlangte ihr Gewissen, Rechtfertigung durch dichterische Leistung. »Ein Werk! Ein Werk!« schreit sie verzweifelt. »Schenke ein Werk mir lebendige Kraft, daß meine Räusche sich erhöhen über den Augenblick, damit ich weiß, weswegen ich gelitten.« Dichterisch Vollendetes ist ihr geglückt. Ihre Phantasie, aus der platten Gegenwart in die erhabenen Geheimnisse des Alten Testamentes geflüchtet, schöpfte aus den Quellen der Bibel das Verswerk »Elohim« <Welt=Verlag, Berlin 1919). Schimmernd im Glanz der Sprache, farbenprächtig gleich einem Kleinod des Orients. Dieser Meisterprobe folgte das starke selbstbekennerische Drama »Salomos Abfall« (Weltverlag 1920). Tragödie des Verrats am Geist durch das sich Verlieren an die Dinge. »Das Blut.« Eine Handlung in drei Vorgängen <Manuskript) atmet die schwüle Stimmung sündhafter Ge^ schwisterliebe. Auch eine letzte Schöpfung »J. N. R. J.« ist ungedruckt geblieben. Bilder und VU sionen, Gedichte, empfan^ gen in schmerzlicher Ekstase, Passionsschreie einer Seele, die selbst am Kreuze hing und litt. Zu wehmütig, um daran zu rühren, ist der Gedanke an die Schuld, die, im Untergang der Dichterin, die Herzensträgheit ihrer Nebenmenschen trifft. Sie aber war Keine, die sich bescheiden konnte. In der Mitte ihrer Wanderung ist sie still davon gegangen. Doch sie ist nicht tot. Aus dem unverglühten Feuer ihrer Verse wird sie wieder auferstehen. AUGUSTE HAUSCHNER M O VON HEDWIG CASPARI 1. Die Landpfagen Da reckte sich der starke Arm in Wucht, Es fiel wie Hieb zur Erde. In sich zusammen kriecht der Stab, Dehnt, ringelt sich empor, Sieht starr aus Augen ohne Lider, Kalt bannt der Blick. Versucherin aus Eden, dich faßt Kraft Und schlägt mit dir. Wasser gärt. Verpesteter Sümpfe geronnenes Blut Quillt auf in ekel süßem Duft. Lebender Staub, Schwaden stechender Mücken, Treibt durch die Luft. Atme nicht. Atme nicht stechenden Staub. Jede Pore, Jeder Eingang deines Leibes Ist Plage. Wolken wälzen über das Feld, Fressende Wolken. Wo ist die Frucht, 101

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