Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 100 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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TRAUENSEELE UND VOLKSARBEIT Maschinen kamen aus Deutschland, ebenso Geräte für Feld und Garten, Geschirr für die Küche aus der Tschechoslowakei, Wäsche aus Polen — alles wartet nur darauf, der Verwendung übergeben zu werden. Eine Schulfarm, in der Bäuerinnen herangebildet werden — konstatiert der Fernstehende kühl. Aber erinnern wir uns, daß das Frauen von Pionieren werden sollen und daß die Kinder Amerikas heute andächtig in den Schulen die Geschichte ihrer Urgroßeltern, der Pioniere, lernen. Die jüdische Frau unserer Generation ist nicht mehr die der Vergangenheit. Die Stille des engen Ghettos ist abgelöst worden vom Lärm der modernen Stadt, das ganze Leben ist in seinem Tempo schneller, in seinen Farben bunter, in seinem Umkreis ungeheurer — und trotz alledem <oder vielleicht deswegen?) ärmer geworden. Jede wird in ihrem Dasein die Punkte bezeichnen können, wo es sinnlos, oberflächlich, kräfte vergeudend erscheint,- Viele werden auch wissen, daß ihnen etwas fehlt, an das sie ihr Bestes setzen können, Viele haben noch Kräfte frei, die über das Wirken für Mann und Kind hinaus nach Anteilnahme am Allgemeinen streben. In der Frauenemanzipation, in den neuen Kunstströmungen, im Sozialismus, überall hat sie mitgewirkt. Sie hat sich oft an Irrtümer geklammert, sie hat sich nicht selten in ihrem Überschwang für Irrtümer begeistert, aber sie beginnt jetzt nach vielen Enttäuschungen aus dem Lärm der »allgemeinen Fragen« heimzukehren in eine ruhige Sphäre, wo sie sich als Weib und als Jüdin betätigen kann, zur Idee der zionistischen Frau, und die Chaluzah wird zum Mittelpunkt dieser zionistischen Frauenbewegung. Damit ist auch ein konkretes Ziel in der Palästinaarbeit selbst gesteckt. Dieses Ziel zu erreichen und für die Durchführung der speziellen Frauenarbeit in Palästina Mittel zu schaffen, ist das festumschriebene Betätigungsfeld der größten jüdischen Frauenorganisation geworden. Propaganda für Palästina und Arbeit in Palästina wurden miteinander in konkreter Weise ver^ knüpft. Das Hostel in Jaffa, die große Schule in Nahalal sind durchaus Erfolge der jüdischen Frauenarbeit. Ebenso hat sich die dritte Institution, die von den Frauen gegründet und subventioniert wird, die Mutter= und Säuglingsfürsorgestelle, als eine der segensreichsten Einrichtungen erwiesen, die Palästina aufzuweisen hat. Die erste Fürsorgestelle wurde in Jaffa errichtet,- sie erschien anfangs ein Mißerfolg, denn es zeigten sich keine Mütter, keine Kinder, ja diese Institution galt als gefährlich in ihrer neuen Art, die Kleinen aufzuziehen. Aber bald nahmen die Frauen doch Kenntnis von der Sache. Zuerst erschienen die jungen Arbeiterinnen und ihnen folgten die Altansässigen, und heute nach drei Jahren des Bestehens kann die Arbeit kaum bewältigt werden, obwohl inzwischen längst Hilfe aus England gekommen ist und neue Filialen an verschiedenen Stellen eröffnet wurden. Das Ziel der Frauenorganisation ist es nun, mit einem Netz von solchen Fürsorgestellen ganz Palästina zu überziehen, besonders aber in den Kolonien und den von den Städten entfernten Teilen des Landes solche zu errichten. Wachsende Wirklichkeit überall. Klein, unscheinbar und doch Keimzellen der Zukunft. Ein Gegenstand, sicher wert, daß sich an ihm entzündet, was an Enthusiasmus das Herz der jüdischen Frau birgt. Hier wird ein Volk, hier schafft sich eine Kulturbewegung ihren Körper, und alles das, was heute bescheidene Knospe ist, wird sich, wenn es Liebe und Pflege findet, zu einer wundervollen Blüte entwickeln. Wir jüdischen Frauen aber, die nicht selbst dabei sein können, haben die geschichtliche Aufgabe, unseren Teil an Arbeit und Opfern beizutragen, damit diese Knospen die Frühlingsstürme unserer Zeit überdauern können. Diese Aufgabe soll unser Lebensinhalt werden, sie macht uns größer und besser. Es gibt Männer, die für eine Idee blind sind,- aber es gibt keine Frau, die unaufgeschlossen bleibt gegenüber wachsender Wirklichkeit. NAHALAL 100