Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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HEDWIG CASPAkl Der Schweiß, Die Nahrung schwerer Monde? Aus Qual des Augenblickes droht Hunger, Hunger. Schwärende Gebreste Schorfen Auf blühender Haut. Liebende betasten Einander wie Unflat. Aus Schlamm des Flusses Kriechen Kröten. Jeder Tritt Malmt weichen Leib. Schleim und Geifer Klebt auf Speisen. Finsternis deckt die Erde. Ungesehener Schrecken wächst Zum Unfaßbaren. Finsternis weicht, — Mütter reden irr, Zerschlagen die Brüste. Milch, gemengt mit Blut, Trieft über Leichen Der Erstgeburt. Ein Schrei gellt durch das Land: Wir sind des Todes! — Doch der Berufene schlägt Mit lebendigem Stab Wasser, Erde, Menschen. 2. Wüstenwanderung Sand, Sand, Stechender brennender Sand Unter unserer Sohle. Vor unseres Auges weitspannendem Rundblick Ewiger Sand. Unfruchtbarer Sand unsere Seele Dort im Brande feindlicher Sonne, Fliegt auf im Wühlen der Winde, Verweht Hierhin und dorthin, Hat nirgends Heimat. Ist Heimat was war, Oder das Kommende? O Heimat unseres Ausganges, Land des Schlammes und der Fruchtbarkeit, Nie hat dich gesehen Unser wissender Blick! Da der rächende Engel Abgewandten Gesichtes Vorbeischritt an unserer Wiege, Da unserer Mütter Frohlocken verwirrt Über lebenden Leibern der Kleinen stammelte, Griffen uns Hände. Wie Ding und Gerät Trugen sie fort uns zum brennenden Sand. Traum urfernen Geschehens, Kunde vom Garten, davor Der Dunkle mit feurigem Schwert, Ist uns die Mär von der Wellen Nie endender Verschwendung, Von Pflanzen, die ihre Wurzeln tief Aus ruhendem Leben der Erde saugen. Wir wurzeln in keiner Erde. Unstet sind wir, Treibsand der Wüste. Wir treiben, wir treiben Von endloser Ebene zur wehenden Düne, Vom Ewigen zum goldenen Baal Und zurück zum Glauben unsrer Verheißung. Land der Verheißung, Wirst du die Heimat unsres Sterbens sein? Oder die Heimat des Lebens derer, Die wir gezeugt in der Wüste? Schon neigt sich unsre Kraft dem Abend zu. Wir sind der Augenblick, Hingeworfen Zwischen zwei Atemzüge der Ewigkeit, Uns gehört keine Zeit. Unsre Verheißung verweht Im Sande der Wüste. 3. Der Berg Neßo Warum, o Herr, mußte ich es sein, Den du mit der Ungnade einer Sendung schlugest? War kein anderer dir genehm, denn ich? Herr, ich habe dich erfüllt, ich bin am Ziel, Vor meinen Augen liegt das Land, das du verheißen, letzt sieh mich an: Wer bin ich? Ich bin ein Stamm, der so vom Wurm zerhöhlt, Ein Fels, von deinen Wassern untergraben, Daß er in sich zusammenstürzt. Lebendiges schlägt nie aus ihm hervor, Nur Todgeweihtes. —- Sieh, das ist mein Fluch: Ich glaube nicht an das gelobte Land, Ob auch mein Blick es umfaßt Von Gilead bis zu den Palmen Jerichos. Kann denn ein Land Verheißung sein? Ist nicht ein jedes Erde und Wasser nur, Bäume, Felsen und Felder, Und ist mehr Frucht zur Speise schon Verheißung? Verheißung ist nur dort, 102