Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 97 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜBER JÜDISCHE MUSIK UND MUS1KPTLEGE seinen Ausdruck findet. Schafft nun Ernest Bloch, wenn er diese Voraussetzungen erfüllt, in seinen Psalmen oder in seinem »Schelomo« reinjüdische Kunst? Und wie lange mag, umgekehrt, die Kraft der Rasse nachwirken, wenn der Glaube verloren gegangen ist? — Bekanntlich empfahl der alte Zelter seinen zwölfjährigen Schüler Felix Mendelssohn dem alten Goethe mit den Worten : »Er ist zwar ein Judensohn, aber kein Jude <?>« — Wo haben wir nun ein einwandfreies Kriterium für jüdisches Fühlen in einem Kunstwerk? Gibt es einen jüdischen Inhalt, eine jüdische Form? Können jüdische Musiki motive, bei denen eine Beeinflussung durch fremde Wirts= Völker im Wandel und in den Wanderungen der Jahrhunderte mehr oder weniger wahrscheinlich ist, ein jüdisches Kunstwerk aufbauen? Ist eine Paraphrase über jüdische Volksweisen, ist eine Palästina-Sinfonie auf Grund jüdischer Motive wirklich jüdische Musik? <Ist ein stark empfundenes Porträt eines polnischen Juden, ist ein Drama über die Zerstörung Jerusalems oder etwa über die babylonische Gefangenschaft darum schon jüdische Kunst, weil es von einem Juden geschaffen wurde?) Kann man überhaupt auf Grund sogenannter jüdischer Motive eine jüdische Sinfonie schaffen, indem man die spezifische abendländische Sinfonieform einfach entlehnt? Und wenn wieder die Sinfonie, die Sonate, das Kunstlied usw. etwas Unjüdisches sind, wie und wo findet man die Kunstform, die dem jüdischen Geiste immanent ist? Und neben den großen Stilfragen, welch eine Fülle von Detailfragen! Um nur eine der wichtigsten anzuschneiden: Ist es zulässig, daß man eine nicht harmonisch intendierte Melodie durch europäische Harmonisierung verunziert? Ist es zulässig, daß man eine frei rezitierte Melodie in strenge Takte einzwängt, wie beides in unserer Synagogalmusik so oft geschieht? Und wenn dies unzulässig ist, wie findet man die richtige Bearbeitung, die gleich wohl dem heutigen Zeitgeist irgendwie Rechnung tragen müßte, als wiederum ein Kompromiß erfordert? Wird man die nationale Kunst auf heimatlicher Scholle in Palästina finden, so wie sich etwa die französische Kunst in Frankreich, die deutsche Kunst in Deutschland unter den Bedingungen des Klimas und der Landschaft, der Vorwelu und Umweltfaktoren aus kleinen Anfängen hinaufentwickelt hat? Können wir uns vorstellen, daß der jüdische Musiker, der mit dem reichen Rüstzeug der abendländischen Kunstmusik nach Palästina auswandert, so selbstlos ideal ist, dort auf alles das zu verzichten, was jüdischer Geist der Kunstmusik des Abendlandes geschenkt hat. Ist es möglich, daß der musikalische Kolonist sich auf ein weit tieferes musikalisches Niveau herabläßt, etwa an eine notdürftig rekonstruierte musikalische Tradition des jüdischen Altertums und die jüdische Volksmusik des Orients anknüpft und es einer viel späteren Generation überläßt, vielleicht einmal die Früchtedessen zu ernten, was er gesäet hat? Den Gewinn oder Verlust können wir heute kaum ahnen: bieten wir doch der abendländischen Kunst jene Zufuhr frischen Blutes, die wir nur gefühlmäßig und nicht musikkritisch nicht nur in den Werken jüdischer, sondern auch nichtjüdischer Komponisten erfassen können. Die Beeinflussung in Dingen der Kunst ist eben eine wechselseitige und wechsele seitig befruchtende. Was würden wir dafür gewinnen, daß wir auf unseren Einfluß auf die abendländische Künste musik Verzicht leisten? Lauter Fragen, keine Antwort 1 Die jüdische Musik — wir sprechen unausgesetzt von Kunstmusik — ist eben vorläufig nicht greifbar, der unbestreitbar jüdische Einschlag in der abendländischen Musik nicht recht definierbar, denn Ausdrücke wie »ruhelos«, »trivial«, »sentimental«, »dekorativ=effektvoll« und andere reden an dem Kern der Judenfrage in der Kunst vorbei. Begegnen wir doch unter den jüdischen Komponisten von Mendelssohn bis Schönberg trotz des ihnen gemein^ samen jüdischen Einschlags den verschiedenartigsten Richtungen und Temperamenten, Konservativen wie Modernen, Sinfonikern und Lyrikern, Opern= und Operettenkomponisten. Es wäre darum ein Gebot der Zweckmäßigkeit, die unfruchtbaren Debatten über jüdische Musik zu vertagen und statt dessen Musiker jüdischen Glaubens und jüdischen Empfindens nach Kräften zu unterstützen. Je mehr sie Bewegungsfreiheit erlangen und so zu starken Arbeiten angeeifert werden, desto größer wird »später einmal« das Material sein, dessen Sichtung und kritische Vergleichung einen tieferen Einblick in die Werkstätte des jüdischen Kunstschaffens und in dessen Wesensart gestatten mag. EL1E NADELMAN STUDIE 97