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Das Zelt · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 96 (sequence 24)
Language
German
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ÜBER JÜDISCHE MUSIK UND MUSIKPFLEGE VON DR- ERWIN FELBER In der Kunstpolitik unserer Tage sind Kunst und Politik nicht immer scharf zu trennen. So hat auch in Wien jede einzelne politische Partei ihre Kunststelle eingerichtet, welche die Parteigenossen in Dingen der Kunst berät und ihnen namentlich durch literarische und musikalische Veranstaltungen eine praktische Einführung in die Kunst ermöglicht. Während jedoch die übrigen Parteien bei ihren musikalischen Veranstaltungen vorwiegend auf die Mitwirkung des Wiener Sinfonieorchesters und der großen Wiener Chorvereine angewiesen sind, hat es jüdischer Idealismus verstanden, sich trotz der beschränkten Geld* und Machtmittel und trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten sein eigenes Orchester und seinen eigenen Gesangverein zu schaffen Und sie im Laufe weniger Jahre aus kleinsten Anfängen zu ganz ansehnlichen Klangkörpern zu entwickeln, welche namentlich mit vereinten Kräften schon manch schönen musikalischen Sieg errungen haben. Das Hakoah- Orchester ist, wie schon der Name sagt, eine Gründung der Kultursektion des Sportklubs Hakoah. Weit über die Grenzen Österreichs bis nach England und nach Ägypten ist der Ruhm der siegreichen Fußballer der Hakoah gedrungen, doch kaum innerhalb der Wiener Grenzpfähle kennen die Juden das Orchester der Hakoah, das noch immer hart um seine Existenz ringt. Macht sich doch der Laie keine Vorstellung davon, was die Erhaltung eines Orchesters kostet! (Selbst das Wiener Sinfonie* Orchester, das wohlfundiert scheint und tagtäglich voll beschäftigt ist, bedarf eines Garantiefonds und hat ein Komitee hinter sich, das sich seine Förderung angelegen sein läßt.) DemHakoah*Orchester fehlt es am Dringendsten: Es braucht Geldmittel, um Notenmaterial anzuschaffen, um seinen Mitgliedern Blasinstrumente zur Verfügung zu stellen, um jungen Begabungen den Unterricht in einem Blechblasinstrument zu ermöglichen. Mußten doch bisher die Blechbläser von einem Berufsorchester fallweise enU lehnt werden, was mit hohen Kosten und mit Unzukömm* lichkeiten bei den Proben verbunden ist. Doch trotz aller Schwierigkeiten hat die wackere Schar der musikalischen Streiter den Mut nicht sinken lassen: Mit nur acht Instrumentalisten <sechs Geigen und zwei Flöten) haben sie im Herbst 1919 die Arbeit begonnen, heute zählt das Orchester schon mehr als sechzig tüchtige ausübende Musiker und die Holzbläser sind bereits ausschließlich mit Hakoahnern besetzt. Doch nicht nur das Orchester, sondern auch dessen künstlerische Ziele sind im Laufe der Jahre gewachsen. Seit seiner Gründung steht es unter der zielbewußten energischen Leitung des vortrefflichen Dirigenten Professor .S". Braslawsky, der das erste Konzert {April 1920) mit einer eigenen, dem Orchester gewidmeten Ouvertüre eröffnete. Das von Konzertmeister Josef Zimbler gespielte MendelssohnscheViolinkonzert und eineMozart=Ouvertüre ergänzten damals das Programm. Im zweiten Konzert <November 1920) trat Juliusz Wolfsohn als Solist des Beethovenschen C^Moll-Konzertes auf, auch er hat gleich Zimbler dem Orchester von dessen Gründung bis heute die Treue gehalten. Im dritten Konzert <März 1921) bewährte sich Braslawsky als Komponist einer Sinfonie und zweier Psalmen, in welchen jüdische Motive stimmungs* voll verwoben sind. Dieses Konzert verdient darum besondere Erwähnung, weil damals das Hakoah=Orchester in Verbindung mit dem »Wiener Jüdischen Gesangverein«- trat, der sich auch in eigenen Konzerten durch die Pflege heimischer Vokalmusik aus geschlossenen jüdischen Siedelungen Verdienste erworben hat. Oft sollte sich noch dieses Bündnis bewähren, so gelegentlich der Wiedererwedtung der seit fünfzig Jahren nicht aufgeführten geistlichen Oper <Oratorium> »Der Turm von Babel« von Anton Rubinstein, deren herrliche Chöre mit ihrer malerischen Schilderung der Semiten, Hamiten und Japhetiten die schönste Wiedergabe erfuhren. Und erst vor wenigen Wochen dankte man den beiden Vereinen eine schwungvolle Aufführung von Mendelssohns Sinfonie* kantate »Lobgesang«, die seit etwa zwanzig Jahren in Wien nicht mehr zu hören war. Den Werken Mendelssohns wurde überhaupt in richtiger Erkenntnis der Bedeutung dieses Komponisten für das Judentum besondere Wert* Schätzung zuteil. Nicht nur »Lobgesang« und Violin* konzert, sondern auch die »Sommernachtstraum«*Musik, die schottische und die italienische Sinfonie wurden von Braslawsky aufgeführt, der seit der Gründung der gute Hausgeist des Orchesters gewesen und — mit Ausnahme der Spielzeit 1923, da er in Amerika weilte und in der Leitung des Orchesters von Dr. Ernst Bachrich vertreten wurde — auch geblieben ist. Kaum ein halbes Jahrzehnt ist seit der Gründung des Orchesters verflossen, eine knappe Frist, die jedoch doppelt und dreifach zählt, wenn man einerseits die mächtige Entwicklung des Orchesters und seine künstlerischen Erfolge und andererseits alle Schwierigkeiten erwägt, die der Kampf ums nackte Dasein mit sich brachte. Noch immer wartet das Orchester vergebens auf jüdische Männer und Frauen mit offenen Herzen und offenen Taschen, die sich ihrer Pflicht gegen jüdische Kulturarbeit bewußt werden. Die jüdischen Musikvereine wollen freilich nidit nur gute Musik aufführen, sondern auch lebende jüdische Instrumental* und Vokalkomponisten durch Aufführung ihrer Werke fördern. Damit rühren wir — nicht zum erstenmal — an die problemschwangere Frage: »Was ist jüdische Musik, was ist jüdische Kunst überhaupt?« Geht es um Glauben oder Nationalität des Künstlers? Geht es um die Gebundenheit an einen heimatlichen Boden? Der Glaube, der Berge versetzen kann, ist natürlich auch in der Kunst mächtig, doch nicht das starre Dogma, sondern der begeisterte Wille zum Judentum der in spezifisch künstlerischer, bezw. musikalischer Weise 96

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