Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 92 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN BEDUINE AHMED füllten den Sommer aus. Tollkühn, durch die Erfolge ermutigt, auf den schnellsten Kamelen des Stammes, tauchten die Männer bald da und bald dort auf, schössen sogar eines Tages mit ein paar Zufallstreffern einen Aeroplan herab und krönten ihr Werk schließlich durch einen Zug bis an die Grenzen der Stadt Damaskus. Wie eine Schar reitender Teufel rannten sie an eine nichtsahnende französische Kompanie, die, mit blinder Exerziermunition ausgerüstet, ziemlich wehrlos, sich ins Unvermeidliche geben mußte. Splitternackt kehrten diese Soldaten mit ihren Offizieren, die frühmorgens machtgebietend ausgezogen waren, unter dem Gelächter der aus allen Dörfern der Umgebung zusammengelaufenen Eingeborenen zurück. Brandwunden bedeckten die nadtfen Körper, die der Gluthitze der Mittagssonne ausgesetzt waren. Diese Einbuße an Ansehen aber hatte größere Folgen als der Tod einer Blockhausbesatzung. Der General beschloß eine Strafexpedition gegen den aufrührerischen Stamm. In großer Heimlichkeit, um den Gegner nicht zu einem Rückzug in die wegelose Wüste, die ohne Kenntnis der Brunnen nicht zu durchqueren ist, zu veranlassen, wurde die Kolonne zusammengestellt, doch die Wüste hat ihre Post, die an Schnelligkeit der Nachrichten- Übermittlung der Post der Fremden keineswegs nachsteht. So wußte der Stamm wenige Stunden nach dem Auszug der Kolonne bereits von der drohenden Gefahr. Die Angelegenheit des Bandenführers Ahmed wurde selbstverständlich zur Angelegenheit des Stammes in dem Augenblick, da die Waffenehre auf dem Spiele stand. Das große Gesetz der Wüste kennt nur eine Möglichkeit: Eintreten für den Stammesbruder, wenn es sich um sein Leben oder um seine Ehre handelt, mit der ganzen armseligen Habe des Ziehenden und selbst mit dem Leben. Werden die zerrissenen Tierlenden oder die blutige Lanze in die Lager geschickt, dann werden die schwarzen Zelte aufgerollt, die Weiber padten die Kinder auf den Rücken und ziehen sich mit allem, was zum Kampfe unnötig ist, in die Wüste zurück, stets bereit, wenn Kunde von Sieg und Beute kommt, auf den Kampfplatz zu eilen,- die alten Heldenlieder verlieren mit einem Schlag ihre Alltäglichkeit und selbst die Kamele gröhlen freudiger auf, als wüßten sie vom Kampfe der nächsten Tage. Sendboten gingen zu den abhängigen Clans und zum Stamme der Raola, der im Bundesverhältnisse stand. Dann wurden die Krieger in zwei Haufen geteilt. Der Eine, unter Ahmed, sollte den Feind am Brunnen el Mulk erwarten, um ihn in das Tal hineinzulocken, während der andere, größere Teil, mit den heranrückenden Kriegern der Raola vereinigt, ihn im Rücken angreifen sollte. Die Haufen teilten sich im rasenden Galopp, Phantasia reitend, zitternd vor Wollust des Kampfes,- Ahmed mit den Seinen ritt hinauf in das Wadi, während die Anderen gegen die Weideplätze der Raola zogen, sorgfältig ihre Spuren verbergend. Zwei Tage lang lagen Ahmeds Beduinen im kargen Schatten der Felshänge nördlich des Brunnens, dessen Wasserspiegel immer tiefer sank. Es mochte noch für einen Tag Wasser unter dem Ledertuch sein, eben berieten die Männer, was zu tun sei, als der Posten herabgelaufen kam und rief: »Auf, o ihr Männer, die wir erwarten, kommen!« Ahmed, der einem Plane, den er sich vor zwei Tagen schon zurechtgelegt hatte, zu folgen gewillt war, befahl den Männern, sich soweit ins Tal zurückzuziehen, daß sie, den Feinden unsichtbar, den Brunnen noch sehen konnten. Er selbst wolle die Hügelkette entlang gehen, um ihre Zahl und ihre Art festzustellen. Im scharfen Trab ritt er eine Sanddüne, halbversinkend im rieselnden Staub, entlang, ließ das Pferd am Fuß eines Hügels stehen und kroch die Lehne hinan. Ehe er den Kamm erreicht hatte, blickte er zurück. Ferne im Süden erkannte er einen kleinen Punkt: den Reiter, der die Brüder von der Ankunft des Feindes zu unterrichten hatte. »Möge Allah ihm Flügel geben!« murmelte er und erklomm den letzten Rest der Felswand. Angestrengt suchte er den Gesichtskreis ab, bis er miteinem im Norden den Feind erkannte. Unbeweglich, ein Stück der ewig ruhenden Wüste, stand er, ein Stein unter Steinen, an einen Felsblock gelehnt und starrte auf die mählich größer werdende Schlange des heranrückenden Gegners, der, bald hinter einem Hügel verschwindend, bald wieder in den flachen Mulden sichtbar, langsam näher kam. Da, als er einige Büchsenschüsse noch entfernt GR. RABINOVITSCH LOT UND SEINE TÖCHTER 92