Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 93 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN BEDUINE AHMED war, zuckte Ahmed miteinem zusammen. Er erkannte sein Regiment, das Hedjinreiterregiment aus Es schäm, glaubte, die Gesichter zu erkennen, und da er, eine zum Sprunge entbogene Katze, bereit war, sich den Hügel hinabgleiten zu lassen, durchfuhr ihn ein Gedanke: die dort draußen sind unsere Brüder: ihr Blut ist unser Blut. Und ohne weiter zu überlegen, stieß er den Regimentspfiff gellend in die Luft. Er mußte mit ihnen sprechen, nodi einmal sie zu überzeugen versuchen, ehe es zum Kampf kam. Er sah den Zug unten halten. Schnell riß er sein Kopftuch herab und band es, eine schwarze Fahne, an den Gewehrlauf, den er hoch über seinen Kopf hielt. Und stieß noch einmal den Regimentspfiff aus. Da löste sich eine kleine Gruppe von der Schlange, die sich indessen zum Halbkreis zusammengerollt hatte und hielt auf ihn zu. Ruhig stand er und blickte unverwandt auf die schnell in einer lockeren Linie näher kommenden Reiter. Plötzlich zuckte er zusammen: er erkannte den Unteroffizier, der ihn gequält hatte, erkannte einen Offizier — im nächsten Augenblick riß er sein französisches Gewehr hoch, zwei Schüsse warfen mit trockenem Klang sich vor, zwei Kamele rasten aus der Reihe. Schon aber war Ahmed unter lauten Rufen vom Hügel hinabgeeilt und lief auf die übrigen Reiter zu, die, fassungslos, vom Schrecken erstarrt, ihre Kamele angehalten hatten. »O ihr Brüder,« rief er, »o du Mustafa, o du cOmar, es ist die Zeit des Kampfes gekommen. In eure Hände ist die Entscheidung gegeben!« Da ihn die Reiter erkannten, wich mit einem Schlag die Erstarrung, und alles, was ihnen die Offiziere von der Grausamkeit und vom Blutdurst des einstigen Kameraden, des Beduinen Ahmed, des Schreckens der Karawanenwege erzählt hatten, sammelte sich in ihren Gehirnen zu tödlicher Furcht, und ehe er sie noch erreichte, wandten sie ihre Tiere vor dem Unbewaffneten. Die Schüsse hatten Leben in die Kolonne gebracht. Als Ahmed aufblickte, sah er ein Bild, das er vom Exerzierplatz kannte: Plänklerketten zu Fuß und zu Pferd, im weiten Bogen umschlossen sie den halben Gesichtskreis, während im Norden und im Süden Staubwolken ihm verrieten, daß eine Umzingelung ins Werk gesetzt werde. Schnell lief er zurück, keuchte den Berg hinan, doch als er die Höhe erreicht hatte, stockte er: Männer seiner Gruppe standen oben und erwarteten ihn, Männer, die mißtrauisch ihn beobachteten, seit er gegen das Vergießen von Bruderblut gesprochen hatte. Sie mußten eben die Höhe erreicht haben und hatten nicht gesehen, was seinem Lauf gegen die Patrouille vorhergegangen war, denn Einer hob Ahmeds Gewehr mit dem Sonnentuch vom Boden auf und sagte spöttisch: »Ahmed, der Fürst der Helden, ist gegangen, mit den Händen gegen Gewehre zu kämpfen.« Ehe er noch antworten konnte, hörten sie Schüsse oberhalb des Brunnens. »Wir sind umzingelt!« schrie einer der Beduinen und eilend, allen voran Ahmed, glitten sie den Hügel hinab zu den Kamelen. Kampf nahm sie auf . . . Als die Raola und der andere Teil des Stammes eintraf, war die Hälfte von Ahmeds Truppe tot. Als die Überlebenden aber das Heulen der Hilfst truppen herankommen hörten, warfen sie sich neu dem Feind entgegen und, mit dem Stamm vereinigt, griffen sie mit toller Wut immer von neuem an, rannten in die Maschinengewehre, als gäbe es keinen Tod, überrannten sie, und als die Feinde sich auf ihre Reittiere warfen um aus der ungewohnten, Verderben speienden Enge des Wadi in die offene Wüste zu fliehen, hub eine Jagd an, deren grausiges Ergebnis die völlige Niederlage der Strafkolonne war. Wer nicht übergelaufen war — nicht klein war die Zahl der Überläufer — wurde niedergemacht. Tanzend kamen die Weiber über die Hügel, flötenspielend und singend und trugen die Beute, Berge langersehnten Reichtums, zusammen. Mit den Raola waren Leute aus dem Iraq gekommen. Ihre Sprache klang anders als die der Stämme, aber man verstand sie. Und als die Männer vom Stamme der Sachr näher zuhörten, kamen ihnen die Worte der Fremden bekannt vor, als hätten sie sie schon gehört. Es waren Ahmeds Worte, die diese Sendlinge des Königs Feis'l sprachen, Worte von der großen arabischen Nation und von der Einigkeit. »Laßt die Fehden untereinander ruhen, Alle, die ihr die Wüste durchschreitet, denn ihr Alle seid Söhne der großen Mutter!« Ahmed, der Soldat, der Räuberführer, der Beduine Ahmed aber wußte von all dem nichts. Wenige Schritte von dem Ort, wo er die Männer seiner Gruppe getroffen hatte, lag sein Leichnam. Eine Kugel hatte seinen Rücken zerrissen, eine Kugel aus einer beduinischen Flinte. Vier Männer waren hinter ihm hergelaufen, von Mißtrauen übermächtigte Männer. 'Abdallah suchte den Bruder. Als er seine Leiche fand, stand er einen Augenblick still. Dann türmte er Steine über sie, um sie vor den Schakalen der Nacht zu schützen. Über zwei Zeltstangen, rechts und links des Grabes spannte er dann einen Pferdehalfter, an dem er die Stirnlocken des Gefallenen befestigte. Als der Tag im Westen verdämmerte und Abende wind aufbrach, der mit den Locken des toten Bruders spielte, setzte er sich an das Fußende des Hügels und spielte auf seiner Flöte ein Kriegs^ *■* lied, denn 'Abdallah war ein Flötenspieler, den man in allen Oasen kannte. Als unten die Feuer aufbrannten und der Lärm des Sieges heraufkam, pfiff er in einem monotonen Lied alle Trauer um Ahmed in die blaue Nacht der Wüste, die ungeheuer zum Himmel stand. }. FLOCH 93