Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 91 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN BEDUINE AHMED schaft und verließen vorsichtig das Haus, um vor der Karawanserei bei Beramke die Karawane zu treffen, deren Führer von ihrem Kommen unterrichtet war. Unangefochten verließen sie die Stadt,- als sie am zweiten Reisetag von einer französischen Patrouille angehalten wurden, die nach Waffen suchte, zudtte es wohl in Ahmeds Hand, den Franzosen an die Gurgel zu fahren, doch er meisterte seine Ungeduld und sang gleichmütig sein Karawanenlied weiter und stach im Takte dazu die führende Eselin mit dem Treibstod\. Als die Patrouille aber außer Sicht war, rief er ihr einen' Fluch nach, der sie in den letzten Winkel der Hölle wünschte. Als sie, sieben Tage Reise hinter sich, aus mancherlei Zeichen die Nähe des Stammes erkannten, verließen sie um die Mittagszeit, als die Reisenden, schier verschmachtend an die Bäuche der Kamele gepreßt, schliefen, die Karawane und überschritten die Hügel gegen Osten. Im Morgengrauen des anderen Tages sahen sie die heimatlichen Zelte. Man ritt eine Phantasia zu ihren Ehren. Keiner hatte an Ahmeds Rüdtkehr geglaubt. Als er aber zu erzählen anhub und seine Erzählung erstred\te sich über die Zeit mehrerer Abendfeuer, sank er etwas in der Achtung seiner Stammesgenossen, denen es unglaublich erschien, daß ein freier Beduine sich Vorschriften machen lasse, wie er seine Zeit einzuteilen und wie er sich zu bewegen habe. Erst als 'Abdallah die Geschichte mit dem Major erzählte, stieg Ahmeds Ansehen bei den Männern wieder und als er eines Abends vorsichtig seine vom Fremdenhasse tief aufgewühlte Seele zu offenbaren begann, lauschten sie ohne Unterbrechung seinen Worten. Es wurde aber seine Idee für sie nichts Erschütterndes, zumindest was ihre politische und sittliche Auswirkung betraf. Sie sahen nur das grob Augenfällige: die Möglichkeit eines Raubzuges, eines Überfalles auf französische Posten: Beute, Kampf und Siegestänze. Wer der Gegner war, blieb ihnen im Grunde genommen gleich^ gültig,- warum sie den Kampf gegen die fremden Soldaten, dem Krieg gegen einen anderen Beduinen^ stamm oder dem Überfall auf ein Fellachendorf vorziehen sollten, war ihnen nicht verständlich, denn Ahmed konnte ihnen nicht begreiflich machen, was seine Seele erlebt hatte und was sie erlebte. Ihr Nationalgefühl über die Stammesgrenzen hinauszuweiten gelang ihm nicht. Der Andere, der Fremde, zu dem weder Familienbande noch Kampfe bruderschali eine Brüdte bildeten, blieb der Feind, gleichgültig, ob er Ibn carab oder ferengi war. Der sein Leben lang im harten Kampf um den tägliehen Bedarf des täglichen Lebens stehende Wüsten^ räuber konnte sein Leben nicht auf eine Zukunftsaussieht stellen, deren Sinn er nicht verstand, die in manchen Beziehungen seiner Natur und dem Überkommenen zuwiderlief. Das Wesenfremde der Machthaber in den Städten — deren Macht er ja nicht anerkannte, weil sie im beduinischen Bezirk auf die Dauer kaum zu entfalten, geschweige denn zu halten war — dieses Wesenfremde zog wohl eine scharfe, jedem Eingeborenen bewußte Trennungslinie, die in seiner innerlichen Verachtung des Fremden ihren Ausdruck findet, doch wenn dieser Fremde eines Tages mit einem Sack Gold und Halsketten für die Weiber kommt, die mit Gewalt ihm wegzunehmen die augenblickliche strategische Konstellation verbietet, warum soll man ihm nicht die Kraft des Stammes zu einem Unternehmen leihen, dessen Ergebnis keineswegs den Intentionen des Stammes widerspricht? Dies waren die Argumente, die Ahmed entgegengehalten wurdenseine Gegenargumente aus der Rüstkammer eines minder naiven Nationalgefühls geholt, konnten nicht überzeugen, weil sie dem primitiven Denken des Beduinen, der seinen Kreis noch nie verlassen hatte, nicht entsprachen. Als -aber Ahmed, dessen Haß gegen die Fremden durch diese Fehlschläge durchaus nicht gedämpft wurde, gegen die Fremden aufrief, verwehrte der Schech es ihm nicht, wenn auch die ungeklärten Beziehungen zum Nachbarstamm die Teilnahme einer größeren Zahl von Männern untunlich erscheinen ließen. So schlössen sich die Männer seiner Familie ihm an, zu denen noch Männer aus verwandten Familien stießen und ein paar fremde Bewunderer Ahmeds. Mit dieser Schar unternahm er Streifzüge in immer weiter entfernte Gebiete. Als er nun eines Tages ein Blodthaus, wie es die Ungläubigen, in der Hoffnung auf diese Weise ihre Macht in die Wüste vorschieben zu können, errichten, überfiel, die Bemannung niedermachte und mit reicher Beute an Gewehren und Munition zurückkehrte, stieg sein Ansehen derart, daß sich ihm die Mannschaft zweier anderer Familien anschloß. Immer neue LInternehmungen dieser Truppe GR. RABINOVITSCH DER VERLORENE SOHN 91