Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 90 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN BEDÜI: Handbewegung die Bajonette zu Boden stieß. Wo er gewesen wäre, fragte schließlich ein eingeborener Unteroffizier, der die Wache befehligte. Ehe Ahmed noch antworten konnte, fiel ihm aber ein, daß auf diesen Mann ein höherer Preis als auf jeden anderen Deserteur gesetzt sei. Er hob daher sein Gewehr und erklärte Ahmed, daß er ihm folgen müsse. »Du Sohn eines Schakals«, erwiderte der Beduine. »Die Knochen deines Vaters mögen im tiefsten Winkel der Djehennah braten! Wahrlich, beim Barte des Propheten, das mögen sie . . . Willst du Geld?« Verächtlich warf er ihm eine Goldlira zu, die er von Jeruschalmi bekommen hatte. Der Unteroffizier begriff, daß er sich durch die Annahme des Geldes einstweilen zu nichts verpflichte, nahm daher das Goldstück und steckte es, nachdem er es mit den Zähnen auf seine Echtheit geprüft hatte, beruhigt ein. Den Anderen imponierte der Reichtum des Deserteurs. Sie wußten, daß der französische Inspektionsoffizier fern sei,- die Ent= Wicklung der Angelegenheit, die so glänzend begonnen hatte, interessierte sie, denn sie umschloß unerhörte Möglichkeiten, sonderlich, da die Freigebigkeit selbst des ärmsten Beduinen sprichwörtlich ist. So hockten sie sich erwartungsvoll im Kreise nieder — in der Mitte stand der Gefangene — und blickten zu ihm auf. Endlich sagte Einer: »Cigarra fi?« Als nun Ahmed Zigaretten verteilte, war die Zurückhaltung der Soldaten gebrochen. Ohne Rücksicht auf die Gefahr entdeckt zu werden, hüben sie an, erregt auf Ahmed einzusprechen, begannen seine Schönheit mit der des schönsten Kamels, seine Tapferkeit mit der des stärksten Löwen zu vergleichen, als aber Einer seine Frei« gebigkeit mit der des Sultan verglich, vergaßen sie an Schönheit und Tapferkeit, und erwarteten neue Offenbarungen seiner Gebefreudigkeit. »O du Vater des Reichtums!« rief ein Mann aus dem Libanon und hielt sein Gürteltuch empor: »siehe, ein Gürteltuch, wie es schöner nicht ein Mudir tragen kann. Nimm es hin und gib mir von deinem Reichtum!« Ein Anderer bot ihm eine Ohrspange, einen Dolch ein Dritter, Einer ein seidenes Kopftuch mit golddurchwirkten Fransen und Einer bot ihm seine Schwester an, »die dem jungen Mond gleicht im zarten Feuer ihrer Unschuld«. Ahmed aber schnitt ihr unterdrücktes Lärmen ab und begann, ein primitiver Agitator mit den primitiven Mitteln schweigsamer undiplomatischer Menschen, plötzlich und ganz unvermittelt von seiner Idee zu sprechen. Er sprach und kam wieder in den Bann des leuchtenden Bildes, das sich in solchen Augen^ blicken immer neu vor ihm aufbaute, seine Stimme ward Gesang und riß ihn zu den höchsten Spitzen der Begeisterung, deren nur das naturhafte, leidenschaftliche Temperament fähig ist, empor, bis plötzlich der Unteroffizier, ein Negermischling vom Bahr el lur, ihn unterbrach: »O Ahmed, du Held der Wüste, meine Zunge zittert vor Begierde, dir Dank zu sagen für eine zweite Goldlira.» Ahmed stürzte augenblicklich in einen Abgrund. Er sah die Gesichter der Fellachen, die in irrem Erstaunen ihm zugehört hatten, nun aber, da von \IE AHMED Geld gesprochen wurde, sofort erwartungsvoll aufleuchteten, als hätte kein Wort vorher von ganz anderen Dingen gehandelt, er erkannte miteinem die ungeheure, herzzerreißende Armut dieser Menschen, die tierisch wurden durch ihre lebenslange Armut, deren Fanatismus der Hunger erstickte und er fühlte, er, der ungeschulte, bisnun völlig unpolitische Naturmensch, daß bei diesen Stiefkindern eines reichen Landes ein anderer Hebel anzusetzen sei, andere Voraussetzungen notwendig seien. Im Augenblick aber wußte er auch, daß dies lange Zeit brauche und mühevolle Arbeit. . . Er übersah mit einem Blick die Situation, wußte sich aller Geldmittel bar, durch die er sich hätte loskaufen können, fühlte aber, daß seine Freiheit in diesem Augenblicke ihm das Wichtigste zu sein habe. Nicht war Angst vor Strafe in ihm, aber der unbändige Freiheitstrieb, der stärker ist als Hunger und Selbsterhaltungstrieb, hatte ihn wieder erfaßt. Einen Augenblick noch stand er regungslos, dann riß er schnell, wie der Gaukler sein Schwert, dem Unteroffizier das Gewehr aus der Hand und sprang mit einem Satz über die Köpfe der SoU daten. Es nahm ihn die Dunkelheit auf, die hinter ihm zusammenschlug wie ein wogendes Meer und eine Mauer aufbaute zwischen ihm und den Genarrten, deren Heulen er immer ferner hörte. Er lief in das freie Feld hinaus, das sich hinter den Kaktushecken in die Nacht hineinbreitet, bis der Atem ihn scharf und schmerzhaft in der Kehle schnitt und verlachte die Schüsse, die dumpf hinter ihm herpeitschten. Endlich hielt er an,- er hing das Gewehr um den Hals und hielt auf die Stadt zu. Die engen Gäßchen, die zum Basarviertel führen, wo das Haus des jüdischen Freundes lag, durchs maß er aufmerksamen Ohres, um den Wächtern, die die Nacht durchschreiten, auszuweichen und fuhr von Zeit zu Zeit liebevoll über den im Mondlicht dumpf glänzenden Gewehrlauf hin. Das schwere Gefühl, das ihn nach der Enttäuschung seines Propagandaversuches erfaßt hatte und das ihn einen Äugenblick lang irre gemacht hatte, war verflogen. Die alte Sorglosigkeit in Dingen, die nicht dem gegenwärtigen Augenblick angehören, senkte sich wieder leicht in seine Seele, um lockend ihm wieder Bilder der heimatlichen Wüste aufzuzeigen. 'Abdallah und der Jude hatten ihn unruhig erwartet. Sein langes Ausbleiben hatte den Bruder auf den Gedanken gebracht, sich zur Blutrache gegen einen unbekannten Mörder — denn nur ermordet konnte der Bruder solange verweilen — vorzubereiten, als Ahmed, ein wenig atemlos und keuchend, in der einen Hand das Gewehr, in der anderen das Kopftuch mit den Patronen, eintrat. Sorgsam legte er beides auf den Mosaikboden der Halle, warf einen Blick zu den Sternen und als er im Osten die Künder des neuen Tages zu sehen vermeinte, sagte er kurz: »Narüch! Gehen wir!« Er zerlegte das Gewehr, was er als Soldat in erstaunlich kurzer Zeit erlernt hatte, um es ungefährdet über die Stadtgrenze zu bringen, dann schworen die Brüder dem Juden Blutbrüder* 90