Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 89 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN BEDUI. Vertreter einer Herrenkaste und eines Herrenvolkes hier im wahrsten Sinne des Wortes im Kot geschleift worden zu sein, hatte sein Gesicht dunkel* rot gefärbt. Er ergriff die Reitpeitsche und da er aus dem Instinkt des Brutalen eine Möglichkeit suchte, durch einen Gewaltakt sein vermindertes Ansehen wieder herzustellen, fiel sein Blick auf die beiden Beduinen, die gleichmütig, der Eine in die Luft starrend, der Andere das letzte Stück der Melone kauend, an der Mauer saßen. Im Nu stand das Bild der Szene wieder vor ihm, er hörte wieder das aufklatschende Geräusch der fallenden Melonen* schale und fühlte wieder das sofort darauffolgende Versagen der Nerven, da trat ein Blutschleier vor seine Augen und er sprang mit einem Satz vor die beiden Männer, deren Einer als Hedjinreiter kenntlich war. »Wer bist du?« brüllte er ihn an. »Ana 'bn 'arab,« war die Antwort, ruhig, erstaunt nur, wie ein Mensch derart rot werden und derart schreien könne. »Ich bin ein Araber.« »Wie du heißt, will ich wissen, du Sohn eines Schweines,« heulte der Major, der den Boden unter sich schwinden fühlte, da er Spott in der Menge um sich wußte. »Daß du kein Tschin*tschin bist, weiß ich.« Die baumelnde Tonkingmedaille hatte ihn im Augenblick zu diesen Vergleich gedrängt, der dem Anderen unwesentlich war. Dieser fühlte nur die Beschimpfung seines Vaters, den Willen des Offiziers, ihn, den freien Beduinen, zu erniedrigen. Da reckte sich der alte Stolz des Wüstenräubers in ihm auf und zitternd vor Stolz rief er dem Ungläubigen, jedes Wort betonend, ins Gesicht: »Ich bin Ahmed fachreddm eschschahin ibn Mahmud schemseddm el hakim ibn da'üd ibn sa'id vom tapferen Stamme der ßeni sachr.« Berauscht, dem Fremden die ganze Zauberkraft seines Namens ins Gesicht schleudern zu können, konnte ihm das beifällige Murmeln der Menge kein Äquivalent bieten für das Ausbleiben der erhofften Wirkung. Als daher der Offizier sich nicht neigte, sondern im Gegenteil mit einem Fluch drohend einen Schritt näher trat, ergriff ihn heiße Wut und er schrie — es war seit er den Bruder gefunden hatte in ihm das Bewußtsein, Soldat, Untergebener zu sein, geschwunden — und er schrie ihm zu: »Und was bist du, o Unbeschnittener, du Enkel eines Sklaven!« Und setzte nach einer Pause den verachtungsvollsten Fluch des Arabers hinzu: »Dein Vater und deines Vaters Vater soll verflucht sein . .. Deine Religion sei verflucht.« Was nun geschah, spielte sich in einer unerhört kurzen Zeitspanne ab. Die Peitsche des Offiziers, von unten herauf geführt, zieht klatschend eine Strieme über Ahmeds Gesicht, die Menge schreit gellend auf — sie weiß, was nun unfehlbar folgen wird — Ahmed und 'Abdallah liegen auf dem Offizier, dessen Kleider augenblicklich zu Fetzen werden, 'Abdallahs Dolch wird rot, die Menge heult fanatisiert auf, von ferne Pfiffe der anrückenden Polizeiverstärkung, die, endlich angekommen, eine leere Gasse und in ihrer Mitte den um Hilfe rufenden, tobenden Offizier findet. JE AHMED Die unbewaffnete Menge, im Bewußtsein ihrer Ohnmacht, hatte sich in die Häuser verkrochen. Ahmed und 'Abdallah, die augenblicks erkannt hatten, daß ein Kampf hier aussichtslos wäre, hatten sich mitreißen lassen. Ein Mann hat ihre Hände ergriffen und war mit ihnen die Gasse hinabgelaufen, bis sie schließlich ein Haus aufnahm, dessen Tor er sorg* fältig verschloß. Der Mann hatte an ihnen Gefallen gefunden, ihm konnten sie vertrauen, das fühlten sie augenblicklich aus dem feinen Instinkt des Naturmenschen. Der Führer, ein Jude aus dem Suq el jahüdi, bewirtete die Beiden und versprach ihnen, sie bei sich zu behalten, bis es ungefährlich sein würde, die Stadt zu verlassen. Daß sie auf sehr vorsichtige Weise trachten müßten, zu ihrem Stamm zurück* zukehren, war ihm selbstverständlich, denn wenn auch die Fremden selten Eingeborene voneinander unterscheiden können, gab es doch zu viele arabische Polizisten, die den gut zahlenden Machthabern ergeben waren. So blieben nun die beiden Beduinen einige Tage im Hause des Juden unangefochten und ungesucht, und was Ahmed zur Festigung seiner Gedanken gefehlt hatte, erwarb er hier, denn dieser Jude — sein Name war Jeruschalmi — war einer Derer, die in den Bädern und in den Basaren von Einig* keit und Freiheit der Völker des Morgenlandes sprachen . . . Endlich, am siebenten Tag bestand die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. Die Aufmerk* samkeit der Wachen schien wieder erschlafft zu sein> das Interesse der Stadt war auf den bevorstehenden Abgang der Mekkakarawane gerichtet, so daß Jeru* schalmi meinte, daß man nun versuchen sollte, sich als Kameltreiber einer Karawane zu verdingen, um so die gefährliche Stadtgrenze zu überschreiten. Nun aber erklärte Ahmed miteinem, daß er keines^ wegs gesonnen sei, ohne seine Patronen und ohne sein Gewehr die Stadt zu verlassen. Der Jude versuchte ihn zu überzeugen, daß die Gefahr, sich in die Nähe der Kaserne zu begeben, durchaus nicht des Gewinnes wert wäre, aber Ahmed, dem 'Abdallah, längst schon von der Existenz dieser Patronen unterrichtet, begeistert zustimmte, war nicht zu überzeugen, da er die Größe der Gefahr nicht ermessen konnte. So machte er sich in der folgenden Nacht auf, kam zur Moschee und grub die Patronen aus. Als er aber überlegte, auf welchem Wege er ungesehen zum Gewehrständer in die Kaserne kommen könne, rief ihn ein Posten an. Er antwortete mit einem Fluch. Der Posten hob das Gewehr und feuerte. Wohl traf er ihn im ungewissen Lichte des Mondes nicht, doch der Schuß rief die Wache heraus. Bald sah er sich umzingelt. Unmöglich, der Gefangennahme zu entgehen, blieb er ruhig stehen und ließ die vorsichtig sich Nahenden herankommen. Mit vorgehaltenen Gewehren, deren Bajonette gegen seine Brust gerichtet waren, standen sie, aufgeregt flüsternd, bis endlich Einer mit einer Laterne kam, die er dem Gefangenen ins Gesicht hielt. Ein Ruf des Erstaunens kam aus Aller Mund, als sie den desertierten Kameraden erkannten, der, voll innerer Wut über sein Mißgeschick, mit einer 89