Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 88 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN BEDUINE AHMED spradi, daß man auch Fellachen und Stadtbewohner aufrufen müsse, sprang der Andere entsetzt auf: »O Ahmed,« rief er, »hat die Sonne dieser Stadt dein Gehirn versengt? Mit Fellachen, die ihr Leben lang auf ihren Feldern herumtreten, um Brot zu machen, mit Stadtbewohnern, die die Tage ihres Lebens im Basar verhocken, um Stoffe und Flinten zu verkaufen, mit diesen sollen wir zusammen* gehen?« Kopfschüttelnd setzte er sich nieder, als der Bruder mit einem ruhigen »Eiwa, Ja« geantwortet hatte und zog aus seiner Tasche eine Melone hervor, deren Hälfte er Ahmed reichte. Ahmed ließ nicht locker. Er sah ein Bild vor sich, das nicht beduinisch war, und das ihn dennoch un* endlich anzogdie Stadt mit ihren unerhört wech* selnden Eindrücken hatte ihre Spuren in ihm eingegraben. Er, dessen politischer Blick wie der eines richtigen Beduinen nie über die engen Stammesgrenzen, kaum bis zu den Weideplätzen des nächsten Stammes gereicht hatte, sah miteinem ein geeintes Arabien — wenn er sich auch von seiner Ausdehnung kaum eine Vorstellung machen konnte — ein freies Arabien, in dem keine Fremden befehlen konnten. »Höre, o Bruder,« antwortete er also, »sie sprechen unsere Sprache, sie glauben an den Propheten und werden von diesen Fremden ebenso verachtet wie wir.« Er brach ab, um die Wirkung dieser Argumentation zu sehen, griff nach der Melone und biß hinein. Der Bruder dachte nach. Irgendwie schienen ihm Ahmeds Worte verständlich, irgendwie mußte er ihnen recht geben, wenn auch sein Gefühl gegen diesen Gedanken, der ihm ferner lag als irgend etwas, sprach. Der Soldat kaute indessen am roten Fleisch der Melone und warf achtlos die abgebrochenen Schalenstücke in die Straße. In diesem Augenblicke bog ein französischer Major des Generalstabes auf einem nervösen Schimmel um die Ecke des Hauses, vor dem die Brüder hockten. Das Pferd, durch irgendein aufregendes Ereignis unruhig, tänzelte und warf den Kopf, des europäischen Zungeneisens ungewohnt, in die Höhe, so daß der Offizier Mühe hatte, das Gleich^ gewicht zu halten. Die Tonkingmedaille auf seiner Brust schlug auf und nieder,- er versuchte durch Klopfen mit der Reitgerte auf den glänzenden Hals des Schimmels ihn zur Vernunft zu bringen, — da entglitt infolge einer heftigen Bewegung des Tieres diese Reitgerte seiner Hand. Instinktiv warf er sich vor, um sie aufzufangen — da geschah das Befürchtete. War es sein durch die Bewegung plötzlich ins Riesenhafte gewachsener Schatten oder aber war es eines der von Ahmeds Hand in die Straße geworfenen Melonenstücke, das klatschend vor dem Pferd auf den Boden traf — das Tier stieg senkrecht auf und der Offizier sauste aus dem Sattel. Spöttische Rufe der Umherstehenden, die aus tiefstem Herzenswunsche einen derartigen Abschluß des seltenen Schauspieles erwartet hatten, erstickten die drohenden Warnungen der sogleich herbeigeeilten Polizisten, die sich des störrischen Pferdes bemächtigten. Der Major war sofort aufgesprungen. Seine elegante weiße Uniform war beschmutzt und seine Mütze lag, vom Hufe des Pferdes zu einer unkennt^ liehen Masse zertreten, in der Mitte der Straße. Tierische Wut, als Herrenmensch, als repräsentativer M KISLING DIE FISCHER 1920 88