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Das Zelt · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 87 (sequence 14)
Language
German
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EIN BEDUINE AHMED der Hitze verschliefen und die Kamelreiter im Schatten der Pilgerhäuser der Tekkije um die während der Übung verstohlen gepflückten Kaktusfeigen feilschten, im Basar herum, im dunklen Gefühl, hier unter den unendlich vielen Menschen den Helfer zu finden. Er hatte zu großen Menschenmengen ein eigenartiges Verhältnis: er fürchtete sie, wie man ein unbekanntes, unberechenbares Tier fürchtet, er liebte aber die Harmonie ihrer Bewegung, wenn er, auf der Kasernenmauer sitzend, auf sie hinabblickte. Oft versuchte er ihre rätselhaften Bewegungsgesetze zu ergründen, nie aber kam er zu einem Ergebnis, denn eine dunkle Scheu trieb ihn immer wieder dazu, rastlos in ihr unterzutauchen, besinnungs^ los, wie man in die Tiefen des Meeres taucht, das mit wohligen zarten Armen den Taucher aufnimmt. Zweimal bekam er dieser Abenteuer wegen Spangen, da er sich nicht losreißen konnte, an Dienst und Verpflichtung vergessend, im Basar blieb, bis die Wächterpfiffe die Stille der hereinfallenden Nacht durchgellten. An einem Freitag nun, da es den Soldaten erlaubt war, zur Predigt in die Moschee zu gehen <weiß doch der Imperialismus auch das religiöse Fuhlen seinen Zwecken Untertan zu machen), geschah das Sonderbare, das seinen Mut wieder aufleben ließ. Müde von den Gebetsübungen — er hatte den Gottesdienst der Riffaja mitgemacht — stand er vor dem Brunnen der Moschee und blickte, unschlüssig wohin er sich wenden sollte, in die Menge, die sich vorbeidrängte, als plötzlich ein gellender Ruf ihr dumpfes Brausen übertönte: »'hmäd, 'hmäd!« Die Melodie der Stimme und die Abkürzung seines Namens, wie sie nur in der Wüste gebräuchlich ist, trafen ihn ungeheuer. Rasend fuhr er herum, sah im Augenblicke nichts, denn, ein dunkler Schleier, war die Überraschung, alles auslöschend auf ihn gefallen, dann aber fühlte er einen bärtigen Mund an seinem Nadven und den Gruß der Wüste vor seinem Ohr. Ein Zittern durchlief ihn. Augenblicklich wußte er es: der Helfer war da, die Freiheit nahte, näher kam der Tag, da nicht Stadt und nicht Kaserne an seinem Herzen fressen konnten, näher der Tag der Vergeltung. 'Abdallah, sein Milchbruder, dem er glich wie ein Bruder dem andern, war es, der ihn küßte, "Abdallah, der immer und immer wieder zur Stadt zurückgekehrt war, um den Verschwundenen zu suchen, 'Abdallah, der bereit war, die Stadt an ihren vier Enden anzuzünden, wenn sie nicht den schmerzlich Gesuchten herausgab. Stolz, mit hocherhobenem Haupte, wie nie in der Zeit seines erzwungenen Soldatentums, schritt Ahmed neben dem Bruder einher, die Sphäre des Stammes war wieder um ihn, er fühlte den Geruch der Wüste, wieder fühlte er sich als freier Beduine und im Augenblick schien ihm alles Traum, was kürzlich erst gewesen war, Traum, den man abschüttelt, wenn man erwacht. Sie hockten sich in den Schatten einer Hausmauer hin und 'Abdallah begann von den Neuigkeiten des Stammes zu erzählen, sprach von dem Ergebnis der letzten Kamelschur, von Sterbefällen innerhalb des Stammes und von einer Zusammenkunft der Schechs aller Linterstämme der Uled "ali, die einen Kriegszug dieser Stämme gegen den eigenen Stamm erwarten lasse, da eAbd el mulk — der Großschech der Beni sachr — nicht gewillt sei, Lösegeld für die umstrittenen Brunnen am oberen Ende des Wadi'l kaf zu zahlen. <Fünfzig Stuten und zweU hundert Ziegen verlangten die Uled 'äli!> Ahmed, der von der Plötzlichkeit des unerwarteten Zusammentreffens überwältigt war, hatte ohne Verständnis zugehört. Erst die Erzählungen von den Kriegsvorbereitungen des Stammes hatten sein Interesse geweckt, er ließ die Bananenschale, die er die ganze Zeit über an den Zähnen gerieben hatte, fallen und wandte sein Antlitz aufmerksam dem Sprecher, der sich in heiße Kriegsbegeisterung hinein^ gesprochen hatte, zu. Ein dunkler, drängender Gedanke war in ihm, ein Gedanke, der vor Wochen in ihm aufgetaucht war, als er einmal auf dem großen Platz vor der Hidjäsbahnsäule saß und einer der Kaffeehausgäste hinter ihm plötzlich einem Andern zuflüsterte: »Alles wird ein Ende nehmen, wenn alle Araber sich verbünden«, und der Andere antwortete: »Bismillah, Im Namen Gottes!« Im Augenblick hatte er den Sinn der Worte nicht verstanden, denn wer konnte ihm, den Sohn der Wüste, den Einzigen, der rechtmäßig sich »Sohn Arabiens« nennen durfte, derartiges bieten, daß er mit ihm einen Bund schlösse? Je länger er aber an diese Worte dachte, desto möglicher erschien ihm ein solcher Bund und je stärker seine instinktive Ablehnung alles Fremden und die tägliche Beleidigung seines primitiven Rechtsgefühls durch die Fremden wurde, um so notwendiger erschien es ihm, sich zur Abwehr aufzuraffen .. . Nun, da der Milchbruder von einem neuen Zwiespalt zwischen den Brüdern sprach, ward ihm miteinem klar, daß diese Fremden, die Schritt auf Schritt sich das Land eroberten und eben darangingen, Kolonnen in die Wüste vorzutreiben, daß diese Fremden allein die Sieger in allen den Bruderkämpfen wären. Sein einfaches Gehirn vereinfachte sich im Nu den komplizierten Mechanismus der Fremdherrschaft, und ohne daß er es recht wollte, begann er zu seinem Bruder von seinen Gedanken zu sprechen. Dieser hörte ihm erst in fassungslosem Erstaunen zu, dann aber begann er hellauf zu lachen, daß die Menschen ringsumher verwundert stehen blieben, neugierig, was einen Beduinen zum seltenen Schauspiel, öffentlich zu lachen, bringen könne. Der Soldat Ahmed aber blieb ernst und zog den nun vor ihm Stehenden wieder zu sich herab. 'Abdallah, der sich seines unmännlichen Benehmens schämte, hörte dem Bruder jetzt still und aufmerksäm zu, in dessen Munde sich nun mit einem Male alle die nie ganz erfaßten, nie ausgesprochenen Gedanken zu einer Rede von großer Überzeugungskraft formten. Heimweh zitterte zwar noch hinter seinen Worten, aber ein intuitiv erfaßtes Zukunftsbild gab ihm die Kraft überzeugender Gewalt, der sich 'Abdallah mählich Untertan werden fühlte. Nur als Ahmed davon 87

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