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Das Zelt · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 86 (sequence 13)
Language
German
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EIN BEDUINE AHMED ähnlichen Wesen mit Goldtressen auf dem Kleid, die Wege, die man ihn führte. Wenn aber der Abend kam, schlich er aus dei Kaserne und legte sich hinter einen Kaktusstrauch bei der kleinen Moschee. Wenn er dann in den ungeheuren Sternenhimmel emporblickte, vergaß er die Stadt um sich, vergaß alles Unbegreifliche und sah nur die Sterne, die ihn in vielen Nächten der Wanderung Führer gewesen waren. Heimweh nach der Wüste ergriff ihn an solchen Abenden,- er hörte die Lieder des Stammes aufklingen, er sah die Feuer vor sich, sah den Vater und fühlte miteinem einen Hauch aus der Unendlichkeit der Wüste. Da setzte er sich auf, hockte sich an die Wand der Moschee, und begann ein trauriges Lied in die Sterne zu singen, ein Lied mit unendlich vielen Strophen und mit dem Refrain von der Freiheit des Wüstensohnes. Augenblicke lang ver* gaß er das elende Leben, das er nun zu führen hatte, vergaß die Stadt um sich und hörte nicht ihre Geräusche. Tiefer und tiefer verankerte der Gedanke sich in ihm, daß er bald einen Schlag wagen müsse, der ihm die Freiheit brächte. Er wußte, daß er sterben würde, wenn er noch lange dieses Leben führte und wenn er daran dachte, daß der Stamm jetzt in seiner Lieblingsoase lagerte, ergriff ihn die heiße Wut und er stieß Schreie aus, Schreie unbändigen Hasses. Wenn dann der Trompetenruf aufgellte, der die Soldaten in die Kaserne rief, waren ihm, der Weinen nicht kannte, Tränen nahe: noch immer sah er nicht den ersehnten Weg zur Freiheit. Es kamen Tage, da ihn die Unbegreiflichkeiten dieses Lebens schier töteten. Immer neue Dinge, aus denen immer neue Bewegungen hervorbrachen, die den Widerstrebenden in ihre Kreise rissen, stürmten auf ihn ein. Immer von Neuem riefen ihm die Dinge ihr unbegreifliches und erbarmungsloses »Du mußt!« zu, Imperative, denen er machtlos gegenüberstand, die immer neue Strafen in sich bargen. So wuchsen mählich die Vorgesetzten, Offiziere und Unteroffiziere, zu ewig rachedurstenden Göttern ~ unbekannter Vergehen wegen rachedurstend <—, so kam es allmählich, daß jeder Streifen auf dem Arm eines Menschen, Chargenzeichen, deren genaue Unterschiede er trotz entwürdigender Strafen nie recht begriff, schon von Ferne ihn in eine Abwehr^ Stellung drängte, die es mit sich brachte, daß alle Augenblicke seiner Tage mit wahren oder mit eingebildeten Verfolgungen angefüllt waren. Sie äußerlich gleichmütig hinzunehmen, war ihm beduinische Selbstverständlichkeit, wenn auch seine Seele ein schäumender Wüstenbach war, in der Zeit der großen Regen. Im vierten Monat seiner Dienstzeit konnte nicht Dienst noch Stadt, noch all das teuflische Neue ihm mehr etwas geben. Seine Gedanken waren unablässig darauf gerichtet, alles von sich abzuschütteln und den tagaus, nachtein streifenden Gendarmen zutrotz in die Wüste heimzukehren. Keineswegs aber mit Zurücklassung der Patronen und des Dienstgewehres, das ihm, eine Geliebte, ans Herz gewachsen, Freundin stiller Stunden war. Augenblickelang dachte er daran, alle Vorgesetzten zu ermorden — als ersten natürlich den Unteroffizier seiner Rotte — dann aber erkannte er die Sinnlosigkeit seines Planes, da er das Verhältnis der Kräfte abmaß,- auf die Fellachenkameraden war ja nicht zu rechnen, an deren Übermaß serviler Schlauheit alle brutalen Machtäußerungen der Vorgesetzten abglitten, die also keine Notwendigkeit sahen, die Unsicherheit einer Meuterei auf sich zu nehmen. Und da gerade im Hedjinreiterregiment die fellachische Sitte gleichgeschlechtlicher Liebe auf Offiziere und Unteroffiziere übergegriffen hatte, war auf diese Kameraden, von denen ein Großteil zu den Höheren im Verhältnis von Geliebten und Liebenden standen — (das so weit ging, daß einzelne eingeborene Rottenführer infolge ihrer lukrativen Stellung als Liebesvermittler gegen die Fremdherrschaft überhaupt nichts einzu* wenden hatten) — so war also mit diesen Kameraden keinesfalls zu rechnen. Ahmed fühlte sich allein,- er wußte, daß er auf keine Hilfe warten durfte. Dieses Bewußtsein des Alleinseins aber hatte nichts Betrübendes für ihn, denn ein Einsamer vom Tage der Geburt ist im Grunde genommen jeder beduinische Sohn der großen Einsamkeit, deren Schwingungen und Melodien er zu deuten weiß, wie Keiner sonst. Und dennoch zwang ihn etwas, die Hilfe, die er innerhalb der Kasernenmauern nicht finden konnte, draußen zu suchen. So trieb er sich, meist um die Mittagszeit, wenn die Unteroffiziere den Höhepunkt M. KISLING STILLEBEN 1921 86

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