Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 85 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN BEDUINE AHMED der als Knabe schon eine Taube aus der Luft hatte schießen können, mußte nun schießen lernen, er, ein Kamelbeduine, der neben dem Kamel geboren worden war, wurde nun dazu angehalten, reiten zu lernen. Lange war es ihm unbegreiflich, was dieses absonderliche, wie es ihm schien, völlig sinn« lose Geschehen bedeute, schließlich aber war er mit sich einig, daß auch dies ein Glied in der Kette der Unbegreiflichkeiten sei, durch die sich die Fremden von den Gläubigen unterschieden, Glied einer Kette, die sich um den Hals des Sohnes des Propheten legte. »Eure Väter seien verflucht, o ihr Teufel!« fluchte er oft, wenn er müde von einer unsinnigen Übung, die nie noch mit einer Phantasia geendet hatte, in die Kaserne kam. <Auf einem Kamel zu sitzen, mit dem Gewehr in der Hand, tagaus und tagein, ohne je eine Phantasia zu reiten, schien ihm der Gipfel des Unverständlichen zu sein.) Bald erkannte er jeden Polizisten als Glied dieser Kette, jeden Eisenbahnwaggon, und als er zwischen Offizier und einfachem Soldaten unterscheiden gelernt hatte, reihte er auch den Offizier als Glied einer Kette ein, die vom Polizisten bis zum Offizier, bis zum Kampf gegen sich und gegen seine Brüder führte. Den Sinn dieses Kampfes erfaßte er nicht; seine Ziele, seine Ursachen waren ihm zu ferne, als daß sein einfaches Gehirn sie hätte erfassen können,- ihm war nur eines sicher, wenn ihm auch der Sinn aller dieser Vorbereitungen — Exerzieren, Polizist, Eisenbahnwaggon, Offizier — verborgen blieb: die Unerbittlichkeit, mit der er von beiden Seiten geführt werden mußte, denn es war doch ein Kampf, eine Angelegenheit von Männern, eine kompromißlose Angelegenheit also. Bald hatte er alle Finten erkannt, durch die man sich kleine Freiheiten verschaffen konnte,- bald ver« stand er es, sein Reittier für einige Tage zu lähmen, um dadurch die Eintönigkeit täglichen Exerzierens zu unterbrechen, bald verstand er es, einen Vorgesetzten mit ein paar gestohlenen Bananen zu besänftigen, wenn er von ihm Unbegreifliches ver« langte. Als er aber zum erstenmal Patronen in die Hand bekam, strafften sich miteinem seine Muskeln, ein lang entbehrtes Gefühl der Sicherheit stand wieder in ihm auf und die Traurigkeit, die das ungewohnte, fremde, dem Stamme ferne Leben in ihn gesenkt hatte, schwand für einen Augenblick. Sinnend wog er die Metallstücke in der Hand. Liebevoll strich er über die gelbglänzenden, ein wenig fetten Hülsen hin und biß dann der Reihe nach in jedes Geschoß, wie er es gewohnt war, mit jedem Geldstück zu tun, von dessen Echtheit er sich überzeugen wollte. Er verstand es, mehrere Stücke verschwinden zu lassen, ohne daß es der Unteroffizier bemerkt hätte. In der Folge gelang ihm dies öfters. Er fühlte wieder Boden unter seinen Füßen, die kleinen Metallstücke, das einzige in seinem neuen Leben, das ihm nicht unbegreiflich war, gab ihm Rückhalt. Nun hatte das Dasein einen Inhalt bekommen und jeden Tag zählte er an den Glasperlen, die vom Halse seiner Kamel« stute hingen, die Tage, die ihn vom nächsten Scharfschießen trennten, da ihm wieder Gelegenheit gegeben sein würde, seinen Schatz zu vergrößern. Daß er schwer beladen mit Patronen in nicht allzu ferner Zeit, auf diesem oder auf jenem Wege zu seinem Stamm zurückkehren würde, war ihm ebenso sicher, wie die Notwendigkeit, das Gewehr, das man ihm gegeben hatte, mitzuneh« men. Ein Loch im Boden hinter der Kaserne, unfern der kleinen Moschee, wurde ihm Versteck seines Schatzes. Unter den Kameraden hatte er keinen Freund. Er, ein freier Beduine, konnte sie, Fellachen aus den Dörfern des Landes, nicht für vollwertig halten. Er wich ihren Unterhaltungen aus, verstand kaum ihren Dialekt, der ihm weichlich und weibisch erschien, und haßte ihre Lieder wie ihre schmutzigen Leiber. Tagsüber machte er seinen Dienst, in jedem Augenblick bereit, irgendeinen Kampf mit irgend« einem Feind aufzunehmen und ihn mit der ganzen Erbitterung zu führen, die das Fernsein vom Stamme in ihm aufspeicherte. Die Stadt blieb ihm unfaßbares feindliches Geheimnis, das er zu hassen begann,- ihr Lärm zerriß seine Gedanken und ihre Freuden blieben ihm, den man um die paar Qurusch Löhnung betrog, verschlossen. So war er auf sich angewiesen und auf die gelegentliche Unterhaltung mit der Kamelstute, die ihn hinaus in die Salihije oder auf den Meidan trug, wo er die lächerlichen Übungen zu machen hatte. Ergab ihr die schönsten Namen, wie sie die Tiere seines Stammes trugen, konnte aber auch zu ihr kein innigeres Verhältnis erzwingen, weil er die Unreinheit ihrer Rasse nicht übersehen konnte, und als man in schneller Folge mehreremal sein Reittier wechselte, begann er auch die Tiere zu hassen, die störrigen Kamele unedler Bauart, die ein unverständliches Zeichen im Hinter« Schenkel eingebrannt trugen. Oft war er den Käme« raden zum Gespött, geduldig ließ er ihre Worte an sich abgleiten, waren sie ja doch nur Fellachen, Menschen, die in Häusern wohnen und hinter dem Pflug gehen ihr Leben lang, ohne die wahre Freiheit zu kennen. Dann und wann aber, wenn ihr Spott seinen Stolz traf, schlug er den Einen oder den Andern nieder, um dann die Strafe des Offiziers gleichmütig, im Innern aber tief verletzt ob dieser unbegreiflichen Ungerechtigkeit, hinzunehmen. Immer stärker kam seine Unfreiheit ihm zum Bewußtsein, immer wieder fühlte er, daß alle seine Bewegungen von außen her geregelt würden. Nur wenn sie hinausritten, Einer hinter dem Andern, oder Drei hinter Drei, dann suchte er an den Schluß des Zuges zu kommen und ließ seine Stute laufen, wenn die Spitze des Zuges mit dem Offizier um einen Hügel gebogen war. Dann wieder ritt er still und schweigend als Letzter den Weg der Andern, gleichgültig und lustlos, dann und wann absteigend, um den frisch« gefallenen Kamelmist aufzulesen, wie er es seit seinen Kindheitstagen zu tun gewohnt war. Als aber die Offiziere, die nicht wußten, daß dies dem Beduinen der holzlosen Wüste wichtigste Vorbe« reitung für die abendlichen Feuer ist, als die Offi« ziere ihn angesichts der Truppe verspotteten, ließ er auch dies und ritt schweigend in dumpfer Wut und erschüttertem Vertrauen zu diesen menschen« 85