Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 80 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSET POPPERN YNKEUS »Wenn irgendein selbst noch so unbedeutendes Individuum, das keines anderen Leben mit Absicht gefährdet, ohne oder gar wider seinen Willen aus der Welt verschwindet, so ist das ein ungleich wichtigeres Ereignis als alle politischen, religiösen oder nationalen Ereignisse und als sämtliche wissen* schaftliche, künstlerische und technische Fortschritte aller Jahrhunderte und aller Völker zusammen« genommen.« Kein Individuum darf wider seinen Willen geopfert werden und es gibt kein einziges Ideal, keine Idee und kein Ziel, keinerlei Bestrebungen des öffentlichen oder praktischen Lebens, die daran das Geringste ändern dürften. Das ist die Maxime, sagt Popper, auf der wir unsere „private wie aucß unsere pofitiscße Etßiß Basieren müssen". In dem Buche »Das Individuum« hat uns Josef Popper »das große Einmaleins in dem Kalkül mit menschlichen Existenzen« gegeben und damit besitzen wir auch den wahren Schlüssel zu allen Reformen sozialpolitischer Natur, die in den späteren Werken zu eingehender Darstellung gelangen. An erster Stelle ist das große Werk »Die Allgemeine Nährpflicht« zu nennen, I. Auflage erschien 1912, II. Auflage 1923, von dem Wil* heim Ostwald sagte, es sei ein „'Fundamental werk der Wefrfiteratur, auf das man nocß in Jaßrßunderten werde zurückkommen müssen". In der »Allgemeinen Nährpflicht« wird das Pro* gramm zur Lösung der sozialen Frage, und zwar speziell als Magenfrage, welches in großen Zügen schon in dem viel früher erschienenen Buche »Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben« aufgestellt wurde, ausführlich entwickelt, begründet und statistisch durchgerechnet. Im Späte herbst des Jahres 1921, wenige Wochen vor dem Tode des greisen Denkers, erschien als letzte Freude seines arbeits* und entbehrungsreichen Lebens, das Buch »Krieg, Wehrpflicht und Staats* Verfassung«, in dem vor allem ein Programm zur Lösung des Kriegs- und Friedensproblems gegeben wird und in Übereinstimmung mit den von Popper deklarierten Fundamentalrechten des Individuums gefordert wird, die Institution der allgemeinen Wehrpflicht zu beseitigen und die Freiwilligkeit im Falle des Kriegsdienstes einzuführen. In dem oben genannten Buche, das im Jahre 1878 zum hundertsten Todestage Voltaires erschienen war und welches die vier wichtigsten Probleme enthielt, deren Lösung Popper am dringendsten schien für ein glückliches und friedliches Zusammenleben der Menschen, ist in dem Kapitel »die Pflicht zu sterben« auch das Programm der Freiwilligkeit des Kriegs« dienstes in seinen wichtigsten Bestimmungen vor* handen. Die beiden anderen Probleme: „Üßer das Bedürfnis nach Refigion und Metaphysik" sowie über „ Verßrecßen und Strafen, Racße und Ver* geftung" wurden ebenfalls in gesonderten Werken eingehend behandelt,- verfaßt in den Jahren 1905 bis 1910, wurden dieselben erst jetzt nach dem Tode Poppers, als erste Veröffentlichungen aus seinem literarischen Nachlaß herausgegeben. <Das Buch »Über Religion« ist im Herbste 1923 im Verlag R. Löwit erschienen und in kurzem dürfte die Abhandlung »Philosophie des Strafrechtes« und »Vom Vergeltungstrieb« gleichfalls im Verlag R. Löwit erscheinen.) Daß Josef Popper auch auf den Gebieten der Technik und der exakten Wissenschaften große und bleibende Verdienste errungen hat, ist bekannt und ist von hervorragenden Fachleuten — für die Flugtechnik nenne ich die beiden Professoren Theodor v. Karmän und Richard v. Mises — oft gewürdigt worden. Es dürfte interessieren, daß Josef Popper seine letzte flugtechnische Arbeit, das Grundschema eines Schraubenfliegers, kurz vor seinem Tode dem Pro* fessor Theodor v. Kärman, den er als Freund ungemein hochschätzte, zur Verfügung stellte. Pro* fessor v. Kärmän hat diese kleine Abhandlung der Universität in Jerusalem geschenkt, weil er, wie er in seinem Vorwort sagt, »glaube, daß die Aus* führungen des greisen Meisters, der der Sache der jüdischen Universität in Jerusalem mit vollem Herzen zugetan war und sein kostbarstes Besitztum, seine Bibliothek, der Universität geschenkt hat, hier ihre richtige Stelle finden werden«. Als Dichter der »Phantasien eines Realisten« ist Josef Popper unter dem Pseudonym »Lynkeus« am frühesten und in weitesten Kreisen bekanntgeworden. Außerordentlich interessant ist, was Popper über das Entstehen dieser merkwürdigen und wunder* baren Dichtungen in seiner Selbstbiographie erzählt. Einen großen Teil der Stoffe zu seinen Phantasien, die einen unerhörten Reichtum der Gesichte weisen, hat Popper seinen Träumen zu danken. Der Schweizer Dichter J. V. Widmann schrieb nach dem Erscheinen der Phantasien im »Berner Bund«: »Wer mag der Mann sein, der so freimütig denkt, der so ungewöhnlich, doch immer klug und weisheitsvoll urteilt? An den holländischen Dichter und Denker Multatuli wird man vielfach erinnert. Aber es kommt mir vor, in Lynkeus sei mehr geistige Disziplin. Auch sind mir logische Finessen aufgefallen, die mich an das seit Jahrhunderten 80