Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 81 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133280--112-3133414- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DANTE UND DER JUDE geschulte Denken des jüdischen Geistes gemahnten, an die spinnwebenfeine und dabei eisenstarke Dialektik alter Rabbiner.« Josef Popper, dem aus Anlaß seines achtzigsten Geburtstages im Februar 1918 in Wort und Schrift gehuldigt worden ist, dem zu Ehren auch der Verein »Allgemeine Nährpflicht« gegründet wurde, der es sich zur Aufgabe macht, des großen Denkers Sozialreformen auf wirtschaftlichem Gebiete zu fördern und zu propagieren, ist trotz der vielen Zeichen äußerer Anerkennung in seiner wirklichen Größe unerkannt dahingegan^ gen. Er war den Mitlebenden zu weit voraus, um sich der Gemeinschaft der Menschen, die im Grunde nur das Gleiche, ihnen Verwandte und nur selten das sie so gewaltig Überragende suchen, zu erfreuen. Darum ist auch er in gewissem Sinne einsam gewesen, einsam und von den Menschen geschieden, wie Alle, die mit der Kraft ihres Herzens und ihrer Gedanken eine große Aufgabe zu vollführen haben. So ist K'ungfu-tse, der die Menschen liebte, der danach strebte, sie zu bessern und zu belehren, einsam gestorben, verkannt in dem Besten und Größten, was er gewollt. Protest zu erheben gegen die Leiden der Menschen, das ist Josef Poppers große Sendung gewesen ,• er hat sie erfüllt durch sein Leben, seine Werke und durch sein Handeln buchstäblich bis zu seinem letzten Atemzuge. Denn als schon die Schwingen des Todesengels um ihn schatteten, da gab er seinen Namen der Frau, die ihn Jahrzehnte gepflegt und betreut hatte, damit sie in Zukunft bewahrt bliebe vor den Schrecken der Not. CL ^Ä~X /$6n ~/ y*L~*-*»w*~i^^<*a*Lsjrfv>%j»sL*J9*^ ^C^^jL^.L1 Hoffen wir, daß in nicht allzu ferner Zeit die Sehnsucht in den Menschen erwachen werde, in friedlicher und gesitteter Gemeinschaft miteinander zu leben und der Wunsch, die Übel des Lebens einzudämmen, anstatt sie zu vermehren. Dann würde die große Stunde des Erkennens für Josef Popper gekommen sein, sein Name und sein Werk würden herrlich auferstehen zu neuem Leben und zu neuer Wirksamkeit. Wir Wenigen aber in der großen Menge, die wir uns stolz und beglückt Josef Poppers Schüler und Jünger nennen dürfen, wir hüten bis dahin getreu seine Lehre und wie wir nicht wankend werden können in der Liebe zum Meister, so auch nicht in dem Glauben, daß seine Ethik einmal die Welt von vielem Leid erlösen werde. DANTE UND DER JUDE VON ERNST WALDINGER Das Mittagslicht zog seine scharfen Züge Noch unerbittlicher, noch lag das Buch, In dem sie lasen von Gesetz und Rüge, Im Fenster aufgeschlagen, jeder Spruch Mit seinen heilig^harten Lettern brannte, Daß schon die Schrift Beschwörung schien und Fluch Indes er langsam seine Blicke wandte, Zum Dunkel des Gemachs zurück sich fand, Sprach er zu sich — denn keine Brücke spannte Durch seines Herzens Flammen sich und band Sich gütig zwischen Lieben oder Hassen — : »Im letzten Kreis liegt dein gelobtes Land!« Doch Jener ging schon durch die Ghettogassen: »Er sah mir nach,- ich weiß, woran er denkt,- Er wollte heut mein Wort, wie sonst, nicht fassen, Und zu den Schatten war sein Schritt gesenkt,- Er glich sich unserm ewigen Exil,- Obwohl er mir geheime Liebe schenkt. Verdammt er mich — zwar zögernd —, das ist viel! Ich weiß es, der am Kreuz starb, war kein Böser,- Wir glauben nicht,- doch Sehnsucht ist ein Ziel: »Die Unerlösten nur sind die Erlöser!« 81