Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 76 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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BRUNHILDA WIEN und seinen Brahms, doch das ganze Konzert war nur ein mächtiger Auftakt zu den Walzerklängen, die am Schlüsse das Schönste brachten. Wenn er die »Blaue Donau«, die »Fledermaus« oder gar die »Frühlingsstimmen« aus dem toten Instrumente in leuchtenden Farben hervorzauberte, so schwand der graue Alltag, da war man in die anakreontische Vergangenheit des Walzerkönigs zurückversetzt, in die Zeit der siebziger Jahre mit ihrer Lebensfreude und ihrem Drahrertum, mit ihren anmutigen Frauen und feschen Kavalieren, mit ihren Praterfahrten und romantischen Festen. Auch Moritz Rosenthal, Leopold Godowsky und andere Klaviergewaltige haben Straußsche Walzerparaphrasen geschrieben und gespielt, sie haben einander an Satzschwierigkeiten und Kunst* fertigkeit überboten, aber nur Alfred Grünfeld verstand die reine Linie der Straußschen Walzerschönheit einfach und wahr in seinem, aus über* vollem Herzen kommenden Spiel nachzubilden, und darum ist es uns, als ob mit Alfred Grünfelds Heimgang auch Johann Strauß nun erst für immer dahingegangen wäre. Die Straußschen Melodien werden nie wieder in so warmem, von tiefster Empfindung durchglühtem Klaviergesange, in solch sprühender Rhythmik ertönen, denn Grünfelds Zauberfinger werden nicht mehr schmeichelnd und liebkosend über die Tasten gleiten und Tausenden und Abertausenden Trost und Erbauung spenden. Oskar Blumenthal, der um einen Scherz niemals verlegene Lustspieldichter, prägte gelegentlich auf Grünfeld den Reim: «Mit Flügeln des Gesanges trägt uns der Dichter empor, Mit dem Gesänge des Flügels berauscht Deine Kunst das Ohr.« Durch mehr als fünfzig Jahre hat uns Grünfeld mit seiner Kunst berauscht, oft und oft hat er uns in eine bessere Welt entrückt und ist uns ein Freudenspender in trüben Tagen gewesen. Er selbst jagte niemals äußeren Glücksgütern nach, bescheiden und selbstlos hatte er in seiner inneren Wärme Glückes genug und stellte sich unermüdlich in den Dienst der Not und der leidenden Mensch* heit. Noch am 1. Jänner wollte er in einem Konzert zugunsten jüdischer Waisen mitwirken, nachdem er einige Tage vorher trotz seines todwunden Körpers in Schuberts Forellenquintett mit ganz unirdischer Schönheit den Klavierpart gespielt hatte. Es war sein Schwanengesang! Wien ist um einen echten Künstler ärmer, der auf der Menschheit Höhen gewandelt und dabei seine Zugehörigkeit zum Judentum mit Stolz betont hat. Sein Andenken lebt fort in der Liebe seiner Gemeinde. BRUNHILDA WIEN Mit Dr. Brunhilda Wien, die im Alter von nur dreißig Jahren gestorben ist, hat das moderne Juden* tum eine durch Energien des Charakters und Geistes gleich hervorragende Gestalt verloren. Ihr Weg verlief zwischen dem galizischen Stryjr wo sie im altreligiösen, provinziellen Milieu ihres Elternhauses die erste Jugend verbrachte, und dem fernen Buenos Aires, wo sie sich als Professorin der Philosophie an der Universität einen weit* reichenden Wirkungskreis begründet hatte. Dieser Weg war nicht leidit gewesen. Er führte über die Schweiz nach Belgien und Holland, immer im Kampf um das tägliche Brot, immer das Ziel einer höheren Bildung vor Augen. Mit neunzehn Jahren landet sie in Argentinien. Sie hat jetzt alle Schulen hinter sich, aber noch keine Existenz, die ihren inneren Bedürfnissen, ihrer tieferen Veranlagung entspräche. Schrittweise erobert sie auch das. Sie arbeitet in einem Geschäftsbureau, dann in der Bibliothek des statistischen Staatsamtes, endlich als Lehrkraft an der Hochschule. Jetzt wird sie von den Zeitungen und Zeitschriften des Landes gesucht, veröffentlicht eine Reihe bedeutender Studien, darunter eine über die Erneuerung des Judentums, eine Andere über den jüdischen Denker Achad Haam und übersetzt die Bücher der Propheten ins Spanische. Ihr Brief* Wechsel mit Max Nordau soll in die National* bibliothek nach Jerusalem kommen. Zuletzt ist sie, die das soziale Hilfswerk in Argentinien auf mannig* fache Weise organisatorisch fundiert und mit ihrem gütigen Herzen belebt hat, eine Vorkämpferin der jüdischen Frauenbewegung geworden und als Abge* sandte von Südamerika auf den Kongressen in Zürich und Rom hervorgetreten. Dr. H. W. 76