Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 75 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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MAX POLLAK ALFRED GRÜN FELD (RADIERUNG) ALFRED GRUNFELD VON ERWIN FELBER Hermann Nothnagel pflegte zu sagen, nur ein guter Mensch könne ein guter Arzt sein,- an der Bahre Alfred Grünfelds darf man wohl der Meinung Ausdruck geben, nur ein guter Mensch konnte ein so herrlicher Künstler sein, nur eine lautere Personlichkeit, bei der die Forderungen der Kunst und der Menschlichkeit, der Schönheit und der Sittlichkeit so harmonisch zusammenkamen, konnte mit so reiner Kindlichkeit Freuden genießen und freudevoll, neidlos andere Menschen glücklich machen. Menschlichkeit und Nächstenliebe waren Grünfelds Leitmotiv im Leben und in der Kunst,- die Wärme des gütigen Menschen und der Seelenadel des vom inneren Sittengesetz beherrschten Juden strömten aus seiner Seele immer wieder in seine Kunst über. Wie der Mensch Grünfeld nichts Kompliziertes, Gesuchtes oder Gekünsteltes an sich hatte, so blieb auch sein Spiel stets klar und durchsichtig, gleich Schuberts Bächlein, das unter seinen Zauberfingern »frisch und wunderhell aus dem Felsenquell hinab zum Tale rauschte«. In Schuberts warmen, wohligen Melodien spiegelte sich die Wärme seines eigenen Gemütes wieder und darum schloß Grünfeld mit diesem wienerischesten Tondichter ein immer engeres Bündnis. Ein ganz eigenartiger Einfühlungsprozeß, wie dieser Prager Jude immer lebendiger das Wienerische in der Musik verkörperte und mit der Zeit nicht nur zum Liebling der Wiener, sondern auch zu einem Wahrzeichen der Wiener musikalischen Kultur wurde. Neben Karl Goldmark, Theodor Leschetitzky und Ludwig Bösendorfer, die alle längst verschieden sind, gehörte Grünfeld zum intimen Freundeskreise von Johann Strauß. Wenn er dem Walzerkönig dessen Tänze vorspielte, so meinte Strauß bescheiden: »Meine Walzer sind gar nicht so schön, wie du sie spielst.« Und wie wunderschön wußte Grünfeld einen Straußschen Walzer anzustimmen! In seinen Konzerten, in denen das Band des Frohsinnes den Meister und seine Zuhörer zu einer einzigen, großen Familie vereinte, liebte man seinen Mozart und seinen Schumann, man schätzte seinen Chopin 75