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Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 74

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 74 (sequence 41)
Language
German
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DAS BILD DER BÜHNE HANS BRAHM-. „DIE SCHWESTER" Ruth liebt ihre Stiefschwester Lo. Auf eine sündige Weise. Aber sie kann nicht anders, ihr Blut zwingt sie dazu. Und dieser Zwang des Blutes bereitet ihr das Schicksal, ein grauenhaftes, erbarmungswürdiges Schicksal. Sie wird aus dem Hause getrieben, in eine lasterhafte Freundschaft mit der Bildhauerin Karin, in ein verrufenes Lokal, wo die gleichen Geschlechter ihren widerlichen Trieben frönen. Hier, in einem Augenblidt der sehnsüchtigen Erinnerung an die reine Lo, erwacht sie zum Ekel, der Weg ihrer Läuterung beginnt. Was folgt, sind die Stationen einer großen DuU derin. Sie pflegt im Spital die kranken Dirnen und nimmt müde, aber unverdrossen ihren herzlosen Spott auf sich, bis sie infiziert und entlassen wird. Jetzt treibt sie der Hunger auf die nächtliche, eisige Straße. Sie bricht zusammen, zwei Gauner rauben ihr das Kleid vom Leibe, ein Schutzmann schafft sie, gehüllt in seinen Mantel, in den Frauenarrest. Dort findet sie die drei Dirnen wieder. Eine von ihnen stößt die Ohnmächtige von ihrem harten Lager hinunter, sie schleppt sich wortlos fort und deckt die Feindin mit ihrem Mantel. Da steht in den vertierten Weibern das Menschliche auf: »Schwester!« sagen sie wie aus einem Munde, »Schwestern!« sagt die Sterbende. Ein Schein fällt von oben, und aus der achten Symphonie von Gustav Mahler ertönt, unirdische Musik. Dieses große Mysterium der Liebe ist gesdirieben von einem dreiundzwanzigjährigen Dichter, knapp vor seinem Tode. In den zehn Szenen jagt der Expressionismus mit dramatischer Stoßkraft durch die tiefere, elegische Stimmung hin zum Hymnus. Und so, in des genialen, unglüddichen Dichters Sinne, hat Hans Brahm das Werk von Hans Kaltneker inszeniert. Man sah die trostlos dürftige Stube im Hause des Stiefvaters, das grausam echte Tingeltangel der Homosexuellen. Man sah zwei Beleuchtungsszenen: die Eine, wo inmitten der schwermütigen Finsternis nur der schlanke Bogen der Tür zum Schlafzimmer Los im schwülsilbernen Lichte stand und die Gebärde, der Schatten der Einlaß heischenden Ruth zur Bedeutung aufwuchs,- zuletzt die Andere, das Weibergefängnis im schrägen Kellerlicht, ringsum die uferlose, rätselvolle Nacht. Wie der Dichter seine Gestalten, so entkleidete der Regisseur seine Räume von allem Zufälligen und behielt nur das Typische, nur das Wesentliche zurüd<. Und machte schon dadurch, nicht weniger aber durch die musikalische Abdämpfung der Worte und Haltungen seiner Spieler, dem Werke den Weg frei zu seiner höheren Wirkung: zum Symbol. 74

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