Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 69 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133279--091-3133392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ANMERKUNGEN ZU PAUL KÖNIGSBERGER Er vergaß, daß die Welt noch zu weit ist. Brüder erkennen einander noch nicht. Gesenkten Hauptes kehrt er in den Pardes zurück. III Kairo löscht seine Glut in tausend Zuckungen, in tausend Seufzern und Tränen, gedeckt vom Mantel der träumenden Nacht, in die gelbe Wüste. Heiß atmet die Welt. Ruhig, fern allem Leben stehen die Pyramiden: Und dennoch dem Mensdien und dem Himmel nahe. Zu fern dem Nil, um Sich in ihm spiegeln zu können, stehen sie als seine stumme Wächter. Unweit vom Schlosse des Khedive schwimmt ein kleiner Nachen. Leben und Ewigkeit brandet jede Welle, jede Schwingung der Luft... Heute eritblößt Kairo nicht seinen Leib dem Nil und der Wüste. Nebel umlagern die Stadt, die dennoch prachtvoll und groß, geheimnisvoll und erschauernd in Scham erbebt aus den kühlen Winden, die über die dunstende Hitze hinwegstreichen. Alles kehrt zurück in sich, zum Zelte der Ruhe, in das Zelt der Sehnsucht, zum stillen, feierlichen Geheimnis. Im Nachen sitzt ein blonder Germane, ihm gegenüber ein dunkler Jude. Ein Nordländer und ein Orientale. Einer aus einem stolzen mächtigen Volke, der Andere ein sehnender hilfloser Mensch. Der Nachen schaukelt leise dahin, murmelt dazu und die Wüste ruht: ein ewiges singendes Geheimnis. Eng aneinander geschmiegt schweben die Seelen Beider. Über die Stadt, über den Nil, über die Wüste und schwingen sich zu den Gemächern der Freundschaft und der Freude. Sie schreiten hinaus unter dem alles versöhnenden orientalischen Himmel in die weite östliche Harmonie Fern singt der Nil unter dem blassen Monde in die gelbe Wüste. Fern braust das Meer in die erwachende Sehnsucht. Mimisrach schemesch! Ex Oriente lux! ANMERKUNGEN ZU PAUL KONIGSBERGER VON DR. ARNOLD LEVV=GINSBERG Pauf Königsßerger, geßoren 189o in Wien, studierte woßf kurze Zeit an der Akademie in Wien, ßat sicß in der Hauptsacße frei, das ßeißt unmittefßar aus dem Handiverk ßerausgeßifdet, arßeitet gegemvärtig in Berfin. Nachdem im vergangenen Jahrhundert das alte Zunft= und Werkstattprinzip in der Kunst volU ständig durchbrochen worden ist, stehen sich noch heute zwei Gruppen in geschworener Feindschaft bezüglich ihres Verhaltens zum Problem der technischen Grundlagen des Kunsthandwerklichen gegenüber: das Akademikertum, das — konservativ und gebunden — nach seiner ganzen Einstellung eigentlich selbstverständlich die handwerkliche Tüchtigkeit als Voraussetzung stellt, und dann die radikal Modernen, die sich konsequent als »Formzertrümmerer« um das handwerkliche Problem nicht scheren oder, präziser gesagt, nicht scherten. Denn <Musterbeispiel: Weimarer Bauhaus) jüngsten Tages läßt man reumütig in dieser Gruppe Schulweisheit wieder zu Ehren kommen, <zu ihrer Ehre sei es gesagt). So ist der gesunde Normaltyp des Künstlers, der bei Talent <das Wort im anspruchsvollsten Sinne genommen) Handwerk achtet und pflegt, ein seltener Vogel geworden, der unter den Schwärmen leerer Macher und unfähiger »Genies« schwer PAUL KÖNIGSBERGER BILDNIS 69