Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 68 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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MISRACH-NACHTE VON DR. R. BEN SHEM Geboren 19oo im ufirainiscßen TeifPofens,- er arbeitete 1919 bis 1921 afs Cßafuz in Pafästina. Veröffentficßte eine Anzaßf von Pafästinasßizzeiij meist arabopßifen Cßaraßters. I Eine meerblaue, unendlich lichte Nacht. Ein musselinleichter, durchsichtiger Nebelschleier ruht auf dem Gesichte der schlaflosen, orientalischen Welt. Verdeckt, alles ist verdeckt. Du hörst das wilde Treiben des Meeres: du siehst es nicht. Du fühlst das blaue Lächeln des Mondes: du siehst es nicht. Du vernimmst Rufe von Tieren, Bergen, Wäldern, Menschen: unsichtbar. Alles ist verdedtf. Das Auge schläft. Die Seele erwacht. Alles ist verschwommen. Verschwunden sind die Ecken, die Kanten. Und die Seele hebt sich leicht beschwingt zur Höhe... Du schwebst. Verschwommen. Ein dichter Schleier bedeckt das Antlitz der schweratmenden Erde. Aber sie schläft nicht. Wie ein schwerer Mantel die Bewegungen des heiß verlangenden Leibes nur selten sehen läßt, so fühlst du nur selten das Zucken der lüsternen Nacht, nur selten hörst du ihr Stöhnen, das Flötenspiel ihrer Sinne. Jenseits und träges, schweres Diesseits durchdringt dein Blut, das wie ein schweres, dunkles Lied dich durchkreist. Tiefe Nacht: Von den Türmen der Moschee klingen Laute wie aus ferner Weite. Fern allem Irdischen: »La illah il allah.« Gebet des Mugedin. Von den flachen Dächern erheben sich Köpfe und horchen. Lauschen in die Harmonie der Nacht. Ein Schleier deckt die Seele, die in sich zurück* kehrt. In der schönen Bucht, die Beyruts Krone ist, umschlingen einander zwei Wesen. Das Meer, das ewige Weib, schmiegt sich an den Geliebten, an seine Glieder, an die Steine des Ufers. Kalt aber liegt er da. Zurückkehrt die Liebende, reißt aus sich ihre schönste Welle, die Träne ihres Antlitzes, kehrt wieder zu ihm zurück und küßt ihn in schäumendem Verlangen. Aber da reißen die Schwester*Wellen sie eifersüchtig zurück. So schmiegt sich neben dem großen Brautpaar der wilde Wüstensohn Assad an Tamar, die glühende Tochter Israels. Über ihren Häuptern der unendliche Himmel, um sie der Duft der Zedern und in ihnen eine, nur eine Lust und Liebe. II Der Tempel der Misrach*Nacht ist den Betenden geöffnet. Schon leuchten die Sterne in hellem Glanz, schon erhebt sich der Chor der Luft. Alles harrt. Bald beginnt das Gebet. Noch aber ist die Seele nicht bereit. In einem Orangengarten am Ufer des Kinnereth steht ein Schomer und wacht. Sein Kopf ist tief auf die Brust gesenkt. Das Gewehr lehnt neben seinen Füßen an einem Baum. Schwere Düfte der Orangen umschlingen ihn. Jenseits der Berge, Meere, Wüsten, Länder, ist ein kleines Land, ein kleines Städtchen, ein Ziegelhaus. Dort schlafen seine Lieben, dort schlafen die Freunde seiner Wünsche, die Brüder seiner Schmerzen. Schläft die Mutter? Wacht der Vater, entringt sich ein schwerer Seufzer seiner bedrückten Brust? Und die Brüder, die Schwester?... Die Kirchen* glocken, der See? Da... horch! Aus der Ferne nahen Klänge, tiefe, weite Klänge. Glockenklänge einer Beduinen* Karawane. Er horcht auf. Ein endloses, wiegendes Lied: »Ja lel, ja lel.« Sehnsüchtig wie aus erdfernen Fernen. Da zittert sein Körper. Das sind sie doch, die Melodien seiner Seele, seiner Urseele. In der dunklen Galuth haben ihn fremde Lieder gewiegt, fremde Töne eingehüllt. Hier sind die Lieder seiner Seele, seiner eigenen Seele. Er möchte sich zu Boden werfen, sie zu küssen, aus ihr zu saugen. Auf springt er und packt das Gewehr und läuft. Nahe sind die Laute der Karawane. Er läuft, und er läuft zu Jenen, die seine Lieder singen, er läuft zu Jenen, die von seiner Sehnsucht wissen. Die Beduinen erschrecken. Einige ergreifen die Gewehre. 68