Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 63 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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NACKTHEITEN redlichen Hingegebenheit des Persönlichen. Sie ist Psalm, ohne zu psalmodieren. Sie ist fromm ohne Pietismus. Sie ist von Jahr zu Jahr gewachsen, dichter geworden, reifer. Die Technik kam von selbst mit und gewährt dem Künstler bereits in Kreide und Radieinadel lautersten und größten Ausdruck. Und diese schöne Musik wird sich immer heiliger und lieblicher erfüllen und alle Instrumente spielen, so daß es die Menschen anhält auf ihren hastigen Wegen. Der europäische Kunst fer wieder ßoft die Natur, je nach dem Gefüßf, das er aus ißr aß feitet; der japatiiscße Künstfer aßmt sie nach, je nacß den Mittefn, die sie ißm ßißtet — der Eine drückt sicß aus, der Andere drückt sie aus. PatiC Cfancfef '~ \ /"^ r ' i'\ L A '\ *' /■ *- . , ■ . . „•• ■ . '4\ . — „'•• ' I EHRLICH RADIERUNG N A C K T H : VON ANDRE SPIRE E N „Die Haare sind nacßt" Tafmild Du sprachst zu mir: Ich will dir die Gefährtin sein,- ohn Angst, dich zu verwirren, will ich bei dir eintreten,- wir werden lange Abende im Gespräch ver^ bringen,- zusammen an die Brüder, die man tötet, denken,- durch grausam Weltall werden wir in Gemein^ schaft gehen, ein Land uns zu entdecken, das Haupt zur Ruh zu betten. Aber ich will nicht deiner Augäpfel Leuchten sehen, noch brennend das Geäder auf deiner Stirn anschwellen, da ich dir ebenbürtig bin und nicht deine Beute. Betrachte! meine Kleider sind keusch, ja! fast ärmlich schon,- und — meines Halses Ansatz nicht einmal kannst du sehen. Da gab ich dir zur Antwort: Weib, du bist nackt, Die Haaredeines Halses sind kühl wie eineSchale und die gerollten Flechten beben hin wie Brüste,- geil wie der Ziegen Herden sind deine vielen Bänder . . . Laß dir das Haar abschneiden! Weib, du bist nackt. Es liegen deine nackten Hände im offnen Buche,- die Hände: deines Leibes überzartes Knde, schmucklose Hände, die die meinen jetzt berühren. . . Verstümmle deine Hände, Weib! Weib, du bist nackt. Aus deiner Brust steigtdeinesingendeStimmeauf/ die Stimme, Hauch, die Wärme: sie selbst von deinem Fleische, die, über meinem Körper schwingend, ins Fleisch mir eindringt . . . Reiß dir die Zunge aus, Weib. <Aus dem Französischen übertragen von Josef Kalmer) 63