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Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 62 (sequence 28)
Language
German
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GEORG EHRLICH GEORG EHRLICH NARREN (RADIERUNG) neben ganz transparent und kindlich gesehenen Mädchenköpfen <etwa der Niddy Impekoven) durch die Kraft der Benervung auf, die sich von diesem Naturvorbild Ehrlichs gesamtem Graphikstil, der sonst wohl etwas wimmernd sein konnte, mitgeteilt zu haben scheint. Ehrlichs Auffassung und Formgebung hat an Festigkeit gewonnen, ohne darum an melodiöser Schwebekraft eingebüßt zu haben. Während ehedem die Körpergestalt oft bis zur Verkümmerung und Verflüchtigung abgezehrt war, wird sie in den Figurenkompositionen jetzt klar entwidtelt. Aus Schatten und Nebeln rotierten die Formen, glommen die Farben heraus, eine gespenstisch langsame und düstere Flut der Kräfte, endlich dem hohlen, brausenden Nichts abgenommen. Halb verflogenen Weisen gleich tappten die Gebärden durch den Raum. Umhuscht von Schemen, umspült von dunstigen Schwärzen versanken bebende Zwiesprachen, neigte sich die Mutter in schwerer Ahnung zum Kinde hinab. Ein Kreisen und Irren. Nur die Stimme der Hände hob sich noch zu der beherrschenden der Antlitze empor, — weicher, gedehnt hinfließender Hände, ohnmächtig des handelnden Zugreifens, doch unendlich bewegend im Lallen ihrer schmiegsamen flehenden Kurve. Die Sprache der Hände gehörte und gehört zum Schönsten in der Kunst Ehrlichs. Urbild der Beschützung, wie eine dunkle Hand, gütig, zurückhaltend, lastend vor Dringlichkeit, doch ganz lind sich hinlegt über eine zartere, feinere, beschwichtigend und wehrend. Eine einzelne Hand tropft gelb und schimmernd durch das Düster und macht, wie sie daliegt, die Stille singen und das Brüten der Stunde zu einem zauberisch ergreifenden Chor. Auch heute, wo nun alles klarer eingeschrieben steht in einen hell^neutralen Grund, ist dies Fließen und Neigen, die Schmiegung der Gesten und der Umluft da, — heute vollends ist die zaudernde werbende Melodik der Hände und Arme nicht zu überhören. Aus dem Jahre 1923 etwa liegen unter anderem einige große Radierungen vor, betitelt »Narren«, die frühere Versionen weiterführen und wieder den für Ehrlich so kennzeichnenden Harlekin bringen mit der wortlosen Miene und der kugelig abgestumpften Spitzkappe, wie er zum Beispiel, eine Fahne in gleichsam entwirkliditen Händen, auf einem frühen Gemälde seltsam zu Füßen einer mystisch erglänzenden Toten steht. Auf diesen Blättern Gruppen banger Zärtlichkeit, Kniefall und jubellose Umarmung. In schönem Legato zweigt sich Figur aus Figur, säumt ein nun recht gesicherter und gleichwohl nie apodiktischer, nie harter Kontur die zwischen Erstarrung und Leidenschaft behutsam nur sich regenden Gestalten. Es ist eine Schüchternheit, ein wehmütiges Langen, ein schleppender Fall in den Armen und den so spürsam sich öffnenden, so resigniert hängenden Händen, wie nur der ganz innerliche Künstler es zu gestalten vermag, der echte Poet. Georg Ehrlich ist nicht kompliziert, nicht raffiniert. Er ist ohne Arroganz und ohne Manier. Sein Sentiment ist unbedingt echt, nicht Literatur. Es gibt Blätter von ihm, wo ein ganz zager Stift nur eben an die weiße Fläche zu rühren wagt, Blätter, an denen gewisse Schwächen des Aufbaues und die Gefahr verwischender Weichmütigkeit heute unschwer aus^ zusetzen sind. Vielleicht wird man auch sagen müssen, Ehrlichs Ölmalerei sei noch unbeholfen, habe noch keine rechte Sicherheit gewonnen. Aber was ist Sicherheit, und wie vermöchte Sicherheit gerade das Unsichere früher Regung und unter Asche fortglimmender Inbrunst, das Scheue und Betretene so edel und so eigen zu bilden? Musik ist soviel mehr als Unfehlbarkeit und Handfertigkeit, — und hier quillt ja aller Sang gerade aus Unfreiheit, aus stummem Getümmel hinan. Ehrlichs Musik ist getragen von einer unverfälschten, sehr anmutigen, 62

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