Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 64 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133279--086-3133387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
U N E N D L I C H K E I T VON EUGEN HOEFLICH <M. J. BEN GAWRIED Wir sdiritten einen steinigen Wüstenpfad hinab, ein ausgetrocknetes Flußbett, das steil in die offene Wüste abfiel. Ein Jude aus Yemen, dessen buntes Kopftuch, vor den Mund gebunden, ihm ein entschlossenes, verschlossenes Aussehen gab, und ich. Wortlos gingen wir, Einer hinter dem Andern, und die Tiere folgten, losgelassen, den Schweigenden. Als wir das Ende des Wadi erreicht hatten, blieben wir stehen. Weit, unabsehbar weit, lag die Wüste vor uns, ein ewiges Geheimnis, in dessen Schweigen der Schweigende versinkt, um nicht mehr zurückzukehren zu den Städten der Lebenden, der Hoffenden, an die Grenzen der Gegenwart. »Weit ist die Wüste,« hub Jecheskiel zu sprechen an. »Weit, o mein Bruder, weiter als du es mit den Instrumenten ermessen kannst, die man aus dem Westen brachte. Dort, wo du meinst, daß der Horizont aus den Fugen der Erde emporwächst, dort beginnt von Neuem ihre unendliche Weite, und je weiter du hinausschreitest, desto ferner bist du dem Ende der Unbegrenztheit. Was sie umschließt, umschließt sie mit der zärtlichen Liebe der Mütter^ lichkeit, und wer in ihr starb, starb an den Quellen des Lebens, das nicht sterben kann. Siehe . . .« und er wies nach dem Westen, »siehe, dort starb ein Mensch, doch er starb nicht wie Die sterben in den Städten, fern der Unendlichkeit, er starb kein Leben, er tötete den Tod: er blieb ein freier Sohn der Wüste, im Leben des Lebens und im Leben des Todes.« Diese Worte sprach der yemenite zu mir, der ich, ehe wir den Saumpfad betreten hatten, niedergesunken war, überwältigt von der tiefen Feier* lichkeit der Wüste. Ich blickte gegen Westen hinaus. Ein paar Steine, darüber eine Kamelleine an zwei Zeltpflöcken, daran die Schläfenlocken eines gefallenen Kriegers. Fern zieht der Stamm. Sein Sohn blieb hier am Eingang des Wadi, als wollte er die Wüste halten, ein letzter Vorposten gegen den westlichen Tod. Als spräche er zu sich, fuhr Jecheskiel fort: »Was ist uns die Gegenwart? Eine hinterlistige Klippe nur,. an der wir zerschellen können. Ein Entscheidendes ist sie dir nur nach dem Maße deiner Begierde. Ein paar Datteln und einen Halfter bietet sie dir stets, und ein paar Steine, wenn du müde bist. Die Vergangenheit aber, unendliches Gefäß, so gleich der Wüste, ist ein Wegweiser in die Zukunft, die uns aufgetan ist, ein weites Tor in traumhaft schöne Gärten erhabener Pracht, wo an süßen Quellen Datteln und Kamelmilch in Hülle und Fülle zu finden sind. Dorthin richten wir unseren Weg: Gegenwart kann nur die Klippe sein, die den Körper zerschellt, unserem Herzen aber sind die Gärten der Zukunft sicher.« Ich fesselte schweigend meinem Pferde die Vorderbeine Und ging zu dem Grab hinaus. Steine wälzte ich darüber, es zu schützen vor den Schakalen der Nacht. Schweigend saß ich dann an seinem Fußende und hörte von Ferne des yemeniten Lied. Groß war die Wüste um mich, größer als der Gedanke, und die Unendlichkeit, die ich erahnt zu haben glaubte, ward mir geheimnisvoller als je. »O Vater der Gedanken,« sprach Jecheskiel, der unhörbar sich genähert hatte, »sprich Friede über das Grab und dann laß uns reiten, die Länge unseres Weges.« Ich warf einen Blick auf das Grab zurück. Eins fühlte ich mich mit dieser Wüste, eins mit diesem Grab, eins mit Jecheskiel und den Pferden, eins mit Vergangenheit und Zukunft, denn ich war ein Teil geworden dieser Wüste und mein Herz schlug aus dem unendlichen Brausen ihrer feierlichen Stille. »Groß ist Gott!« sprach ich. »Gadol hu!« antwortete Jecheskiel. Und es schlug der Abend sein Zelt auf und wir standen, Einer neben dem Andern, und blickten in die untergehende Sonne. Und dann zogen wir schweigend weiter im feinen Sand, in eine Zukunft hinein, die uns vorbestimmt war im Anfang der Vergangenheit. AUF DEM WEG NACH JERUSALEM 64