Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 58 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133279--079-3133380
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BRITH MILAN Von den Grenzen des Budschak zum großen Kaspischen Meere. Furchtbare Völker zelteten dort an den Ufern der Flüsse, Zähmten die Wildheit der Rosse auf ihren unendlichen Weiden. Nur noch die Gräber sind da! Erhabene einsame Höhen! Traurig von ihnen herab blicken still die Bilder der Götzen, Rätsel des kalten Gesteins. Die eilenden Frühlingsgewässer Fegten hinweg alle Spuren der Skythen, der trefflichen Reiter. Winde im Wehen verwehten die Schatten der Spur der Polowzer, Längst verstummte der »Setsch«*, beim Gelage schlägt niemand die Trommeln, In Bachtschissarais Gefilde, nur Tau und der Segen des Himmels Füllen die Fluren der Steppe mit goldig prangendem Kleide. Längst schläft das Alte den Schlaf. Auf den Hünengräbern wächst Efeu. Nur in dem Dunkel der Nächte voll Trauer bei jagenden Wolken, Wenn sie am Himmel wie finstere Wände in Fetzen sich drängen, Und hinter ihnen der Mond, <— sein Anblick gleicht glänzendem Erze, Manchmal verbirgt er sich völlig, — dann scheint es: Märchen der Vorzeit Werden zu Fleisch und zu Blut und feiern die Wiederbelebung. Mächtige Recken erheben sich aus ihren traurigen Höhen, Sehen die Welt und ihr Leben, ihre Augen sind groß und verwundert, Und sie erzählen, es klingt ihre Stimme wie Rauschen der Gräser . . . Wanderer hörten sie sprechen und öffneten weit ihre Augen, Blidcten zum Himmel empor, zu dem drohenden schwarzen Gewölke, Sahen unendliche Weiten, so stumm wie das Rätsel der Zukunft —' Schmerzlich zuckte ihr Herz. Da überfiel sie Begierde, Pferde zu reiten und tief in die Flanken die Sporen zu graben, Über die Wildnis der Steppe auf weglosen Bahnen zu schweifen, Tief in den Nebel hinein . . . Da erhob der Wandrer die Stimme, Mächtig erklang seine Stimme und drang vom Meer bis zum Meere, Füllte den weiten Raum mit wilden und einsamen Schreien, — Sie vernahmen die Schwäne des Schilfs und die Wölfe der Wüste, Antwort kam ihm vom Weiher, und Heulen ertönt aus den Schluchten, — Leichter ward da es dem Rufer, daß er nicht allein in der Steppe. Leise begann dann Mischa zu singen, voll klagender Töne, Sang ein einfaches Lied, voll Unschuld der Seele und Sehnsucht. Einfach war seine Weise, es klang monoton und getragen. So singt im Ufergestrüpp des Schwarzen Meeres die Möwe, Singet im Röhricht und Schilfrohr und über den Wirbeln des Dnjepr: Schrei folgt auf Schrei, ein einsames Lied, voll Tränen und Trauer — So singt auch Mischa, der Fuhrmann. Es rührt seine traurige Weise Rabbi Eljakums Herz. In dem Liede des Landmannes hört er Bitterlich weinen sein Herz, das heitere, blühende, starke, Enge drückt ihn der Raum, ihn verlangt es nach Handeln und Taten Und seine mächtigen Kräfte verlangen nach Wirken und Schaffen, Raum ist nicht da zur Befreiung dem Überfluß sprießenden Lebens ... Was Mischa sang, war ein Lied der Kosaken: ihr Lager entstand da Vor Eljakums Blick: eine seltsame Welt voller Fremdheit: Mord und Erwürgen und Brand . . . seine Augen schweiften noch weiter — Über die Völker, die blühn und dem Rauche im Winde gleich schwinden Hier in der Steppe ... So kam ihm Erinnerung der Zeit der Chasaren: Da war ein jüdisches Reich und mächtige, stählerne Männer, Steppenpferde und Speere und Bogen und Schilde und Lanzen . . . * Kosakentag. 58

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.