Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 57 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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BRITH MILÄH Gellende Rufe erhoben da Sorka, Devorka und Tscharna, Aber Chone war furchtlos und rührte sich nicht von der Stelle, Hob die Faust gegen den »Goj« wie ein Mann, der zum Kampfe sich rüstet. Schweigend starrte bestürzt auf den Knaben Mischa, der Fuhrmann, Schüttelt hierauf seinen Kopf und spricht für sich leise die Worte: »Oh, wie gings uns schon längst, wenn der Jud gegen uns sich erhöbe!« »Er ist mir auch ein Held,« erwiderte sanft ihm Eljakum, »Laß ihn nur los und fahr zu! Den Kindern gefällt wohl dein Wagen.« Wieder erschallt das Geschrei von Sorka, Devorka und Tscharna, Jetzt stimmt auch Chone mit ein, und die Rosse verlassen die Stelle. »Glüddiche Fahrt, Eljakum!« rief da seine Frau. »Leb wohl! Elka!« »Langsam mit Chone, dem Knaben! Du Sorka, du bürgst für den Knaben!« Kurze Zeit nur verging, dann erhob Eljakum die Stimme: »Kinder, nun aber hinweg! Denn die Zeit ist schon da für die Heimkehr.« Schnell gehorchten dem Wort des befehlenden Vaters die Mädchen. Aber nicht ebenso Chone,- er faßte den Mischa am Rocke, Sperrte den Mund recht weit auf und strampelte fest mit den Füßen. Aber nicht hielten ihm Stimme und Fuß stand am Tag der Bedrängnis,- Auf Eljakums Gebot ward der Knabe zu Boden gelassen, Rasch eilten Tscharna und Dvorka herbei und faßten den Knaben, Hoben dann flink ihre Füße, nach Hause zu laufen und schleppten Chone nach sich,- der brüllte, sein Antlitz nach rückwärts gewendet. Seine zwei leuchtenden Füße und Ränder des Hemdes sind sichtbar, Lugend hinaus durch der Hose nach rückwärts gewendete Öffnung, Da ihre Knöpfe nicht schlössen. Und wem war dabei zu vergleichen Chone, der Knabe? Dem Jährling der Lämmer, das hinter der Mutter Ausgeht in ihrer Spur, wenn die Herden zur Weide hinausgehn: Hirten treiben die Schafe, es bleiben zurück kleine Lämmer Blöken mit lauter Stimme und hängendem Schwänze und tänzeln Springen mit Hüfte und Schenkel . . . Es tänzeln und laufen die Pferde, Kommen ans Ende des Dorfes und sind schon in offenem Felde, Steigen den Abhang hinunter, und nichts mehr sieht man vom Dorfe. Nur die Mühle am Hügel hebet und senkt ihre Flügel, Arme von Riesen: als sendeten sie ihren Segen zum Abschied. Jetzt umgeben sie nur die Weiten der Steppen und Weiden, Freie Unendlichkeit, voll wilder und mächtiger Schönheit. Stille wehn Winde voll Wehmut über das Antlitz der Steppe, Lieder des Weltenleides voll tiefer und bitterer Stummheit, Worte der Welten, die waren, Geheimnisse künftiger Tage, Tage der Zukunft. Und wunderbar kommen die traurigen Weisen, Füllen die Herzen der Menschen mit süßer Wehmut voil Rätsel, Machen sie düster und wolkig und töten ihr fröhliches Singen, Krämpfen die Herzen zusammen und füllen die Augen mit Tränen. Groß ist der Steppen Ruhm auf den Tafeln der Menschheitsgeschichte, Fern in entlegenen Tagen, wo Wahrheit und Sage sich finden, Wo ihr Name verhüllt wird in Wunder, Geheimnis und Märchen. Perser führten mit Skythen hier blutige Kriege, nach ihnen Kamen die Horden der Petschenjegen und Polowzer Stämme, Dann trank die Steppe das Blut von Tartaren und Blut von Kosaken. All diese Tage entglitten, doch stolz stehn die Auen der Steppen, Meere von leuchtenden Gräsern und Duft verbreitenden Kräutern, 57