Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 55 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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BRI TH MILAH IDYLLE AUS DEM LEBEN DER JUDEN IN TAURIEN VON SAUL TSCHERNICHOWSKI Sauf Tscßernicßowsßi, geBoren 1875 in der Krim, ist der Soßn des na turnaßen, freudig=>einfa<6en Lebens der Juden in der weiten südrussiscßen Steppe, wo der mifde HimmeC und die Üßerreste ßeffeniscßer Kuftur nocß ßeute den Cßarafiter Beeinflussen. Aus dieser Heimat trägt der Dicßter in die ßeßräiscße Literatur Natürficßßeit und Treude aucß an den äußeren Dingen, die Bis daßin unserer Literatur fremd waren. Das vorfiegende Brucßstücü ist seiner großen Idyffe „Die BescBneidung" - in Hexametern aßgefaßt, afsogfeicßfaffs ein Novum in der ßeßräiscßen Literatur - entnommen. Näßer es üßer den Dichter wird in einem demnäSst erscheinenden Bucße „Wesen und Wege des Juden" von Hans Koßn, dem Üßersetzer dieses Stüdes, zu finden sein. DER ERSTE GESANG: AUF DEM WEGE NACH ÄGYPTEN Rabbi Eljakum, der Schochet, erhebt sich langsam vom Sitze, Faltet die Zeitung »Haz'phirah« und streicht mit den Händen darüber, Glättet und bügelt die Ränder. Es liebte Rabbi Eljakum »Hazephirah«, sein Leibblatt und pflegte es gründlich zu lesen. Als er die Arbeit beendet, sein Streichen, Glätten und Bügeln, Stieg er auf einen Stuhl und legt auf den Kasten die Zeitung. Dann aber ging er zum Fenster des Zimmers und sah auf die Straße, Denn es war, wie er wußte, die Zeit des Gebetes gekommen, »Mincha« zu sagen im Kreise der kleinen, frommen Gemeinde. Ruhig besah sich der Greis durch das Fenster das Treiben im Hofe, Sieh: es eilen die Hennen zum Schlag zu nächtlicher Ruhe Unter dem Winkel des Daches und erklimmen die Sprossen der Leiter, Die an der Stallwand lehnt,- ganz langsam schreiten die Vögel, Tänzeln von Stufe zu Stufe, dann stehn sie und blicken nach rückwärts: Scheint es jetzt nicht, daß sie zweifeln, ob weiterzugehn, ob zu bleiben? ~ Nur ein Hahn ist bei ihnen, der Liebling von Rabbi Eljakum, Mächtig und stattlichen Wuchses, mit rot geschwollenem Kamme, Schreitend in wichtigem Schritt und die Brust im Gehen geweitet. Sein Gefieder war lang, von bleichem opalenem Glänze. Jetzt blieb er stehn und begann sein Lied zu singen: doch plötzlich Schwieg er und mitten im Lied, dann streckt er die Kehle und hob sich, Ausgebreitet die Flügel, empor, — worauf Rabbi Eljakum Aufmerksam blickt auf den Hahn, um zu wissen, was er dort sehe. Plötzlich hört er Peitschengeknall und Rollen von Rädern, Gleich danach sieht er zwei kräftige Rosse, dahinter den Wagen. Plötzlich hielten die Pferde. Ein alter, stämmiger Bauer Stieg von dem Wagen herab und lockert die Stränge der Rosse, Nahm dann Hafer und Gerste und fütterte sorgsam die Tiere. Schweigend betrachtet Eljakum den »Goj«, um zu wissen, was komme. Schnell an der Mütze entdeckt er die Heimat des Manns: Bjeliwirka. <So heißt das Dorf in der Welt, so wird es auch ewig genannt sein, Doch in dem Munde der Juden heißt es das »kleine Ägypten«). Als einst der Schöpfer, gelobt sei sein Name, sah die Geschöpfe, Daß sich in Zukunft die Arten der Wesen nicht mischen: Was tat er? Zeichen verlieh er da ihnen: Das Horn, die Zähne, die Mähne,- Eidechsen gab er die Schwänze, dem Esel die länglichen Ohren, Zierte die Stirne des Hechts wie mit weißlich gezeichnetem Kreuze, Hähne mit rötlichem Kamm, das Renntier mit hohem Geweihe, Böcke mit struppigem Bart, Bjeliwirker mit eigenen Mützen. 55