Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 49

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 49 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133279--069-3133370
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

KAJIN Sohn und herzte ihn und sprach: »Ich will ihn großziehen zu einem Manne, auf dem nicht Gottes Fluch ist, und ihn erziehen, daß er fürchte und erkenne die Werke der Gottesmächte« und nannte seinen Namen »Chanoch«, das ist: »Erzogener«. Und es wuchs Chanoch groß und wandelte mit dem Herrn und ward ein Ackerbauer, und der Boden gab ihm seine Kraft und Frucht. Und auch Chanoch nahm ein Weib, und sie gebar ihm den Erad, und Erad zeugte den Mechujael und Mechujael den Metuschael und Metuschael den Lemech. Auch dem Adam wurde noch ein Sohn geboren an Stelle des Hebel, den Kajin erschlagen, und er nannte seinen Namen Sehet, und auch Sehet zeugte Söhne und Töchter. Und es mehrten sich die Menschenkinder auch im Lande Nod und sie wohnten zwischen den Feldern und an den Ufern der Flüsse. Alle waren sie Ackerbauer oder Schafhirten, doch waren unter ihnen auch solche, welche Geräte schmiedeten oder tönend Spielwerkzeug verfertigten. Nur Kajin lebte unter ihnen als ein Mann des Grauens und der Furcht und es war kein Segen in dem Werk seiner Hände. Da ging Kajin hin, und erbaute eine Stadt für Chanoch, seinen Sohn, und für die Kinder Chanochs und auch ihren Namen nannte er »Chanoch«. Und wie die Menschen in den festen und sicheren Häusern wohnten, war nur Kajin ein Wandernder unter ihnen, und wie er früher über die ganze Erde geschweift hatte, so schweifte er jetzt noch im Lande Nod. Einsam blieb er und fremd seinem Sohne selbst, den er großgezogen, wie seines Sohnes Kindern und den anderen Menschen, als ein menschlich Gebild, wie nicht von einem Weibe geboren, sondern voll des Schreckens und des Schauderns, ein Belasteter von dem Fluche der Gottesmächte und ein Verworfener unter den Menschen. VII Und Kajin war alt und in die Jahre gekommen. In seinem Herzen war Stille und der Schrecken nur um ihn. Und es war in einer Nacht, da träumte Kajin einen Traum. Wiedergekehrt waren ihm jene verhängnisschweren Stunden, Stunden der Verdunklung und des Unterganges. Das Tor des Himmels hatte sich ihm verschlossen, da die Gottesmächte sein Opfer verschmäht, und er war einsam und wie in den Abgrund geworfen, den Abgrund der Erde. So sah er den Himmel nicht und nur seinen Bruder, der sich dem Himmel entgegenfreute. Und sie standen beide vor dem Eingang des Himmels, da bat Kajin seinen Bruder, daß er das Tor ihm öffne. Hebel aber ging und stieg zwischen Wolken, während Kajin nicht vom Platze konnte, seinem Platz auf der Erde. Und es geschah, als sie abermals vor dem Eingang standen, da faßte Kajin Hebel den Jüngeren mit Gewalt und stieß ihn in das Tor und schrie und rief: »Fürwahr, wenn mir der Himmel verwehrt ist, so sei denn gänzlich dein der Himmel und die Erde mein!«. Doch siehe: in einem Augenblick, da leuchtete der dunkle Himmel auf wie in der Stunde der ersten Morgenfrühe — ja siehe! Hebels Antlitz ist es, das helle da auf ihn lächelt von oben, hinleuchtend über den ganzen Himmel, in der Süße der Liebe und des Erbarmens. Doch Satan erinnerte den Kajin an seine alte und bittere Frage, und dieser fragte lispelnd: »Dein Opfer haben sie angenommen und das meine nicht?« Da verschloß sich der Himmel dem Kajin und wieder umgab ihn das Dunkel. Wieder sah er die Gesichte der Finsternis, die schrecklichen, und hörte die Stimme des Fluches, und des Himmelszorns, und es wälzte sich Kajin in den Qualen des Schreckens und der irren Wanderschaft. Da aber durchbrach plötzlich ein mächtiger Donner das Gewölbe des Dunkels, und er hörte aus dem Donner heraus eine neue Stimme, eine mächtige, weite, eine Stimme des Erbarmens und der Herzens^ nähe: »Angenommen ist das Opfer Kajins, das große Opfer.« Und es war am anderen Abend; da ging Lemech seinen Weg gegen Sonnenuntergang. Und siehe: ein Schatten streift über den Saum der Erde und stellt sich verdunkelnd vor die Strahlen der Sonne. Da sprach Lemech in seinem Herzen: »Fürwahr, ein böses Tier ist dies, heraufgestiegen vom untersten Abgrund.« Ein großer Schrecken befiel ihn, da faßte er sein Wurfgerät und schoß einen Pfeil, der traf in das Herz Kajins, des Urahnen, und tötete ihn. In jener Zeit war es, da hatten sich die Göttersöhne versammelt und vor den Allheiligen gestellt: darunter auch der Engel, der gesetzt ist über die Opfer, sowie der Engel der Gerechtigkeit, und mitten unter ihnen Satan, der zum Engel des Todes geworden war unter den Menschen. Und es erhob Satan Klage wider den Allheiligen mit hochmütigem Haupt und erhobener Stimme, nachdem er einen Bund geschlossen mit dem Engel der Gerechtigkeit, dem er einst zuwider gesprochen. »Wahrlich! Kajin hat Ruhe gefunden seinen Füßen und Frieden seinem Herzen. Der Mann, der seinen Bruder erschlagen, der Vater des Mordes — vergolten habt ihr ihm Tod mit Leben, da er eine 49

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.