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Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 48 (sequence 13)
Language
German
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KÄJIN getötet, als er sein Opfer brachte.« Aber die Stimme des Herrn rief donnernd aus seinem Herzen selber: »In seiner Unschuld hat jener ein Tier getötet, du aber menschliche Seele. Ein Opfer den Gottes^ mäditen meinte Hebel, als er eines Lebens Blut darbrachte, du aber Neidesfeuer und Haß. Gemordet hast du, Menschenmord, und die Gottesmächte selber von dir gestoßen!« Und fortfuhr der Herr: „Die Stimme vom Bfute deines Bruders schreit zu mir von der Erde, und nun verflucht sei vom Erdhoden, der seinen Mund aufgetan, um das Bfut deines Bruders aus deiner Hand zu nehmen. Wirst du den Erdßoden Bearßeiten, er wird nicht mehr seine Kraft dir gehen. Ruhefos und irre wirst du sein auf der Erde!" Und Kajin fiel dahin und wollte sich verbergen. Aber er sah Blut im Schöße der Erde, da sprang er auf und floh von der Stelle und lief und wußte nicht wohin. Denn an jedem Orte, wohin er kam, hörte er die schreckliche Stimme und blickte Dunkel um sich und im Dunkel die schrecklichen Augen des Blutes. So ward ihm keine Zuflucht und keine Ruhestatt, dieweil die ganze Erde voll war des vergossenen Blutes und der Himmel des Fluches der Gottesmächte. Dieses aber war das Geschehnis auf der Oberfläche der Erde in der Stunde jenes Abends, der Stunde des Mordes. Noch waren von den Tagen der Schöpfung her alle Wesen vereinigt und verbunden in der Fülle alles Lebens, und wenn auch das Urlicht der Gottesmädite sich zurückgezogen hatte von der Erde und der reine Lebensquell der Wesen sich getrübt, seit Adam und Chawa von dem Baume der Erkenntnis genossen und das Gute mit dem Bösen vermengt — so war doch der Friede noch zwischen den Wesen und das Leben in ihnen noch wie ein Strom von den Tagen der Schöpfung her. Als aber Kajin den Hebel erschlug, ein Mensch den Menschenbruder, und der Mund des Abgrunds des Gemordeten Blut trank, da stieg ein Nebel aus dem Abgrund herauf auf die Oberfläche der Erde und verhüllte alles Wesen und stellte sich zwischen die Geschöpfe, also daß Eines das Andere nicht mehr gewahrte in seinem Innern, durch die Macht des Neides und des Hasses. Damals begannen die Tiere einander zu verfolgen und einander nachzustellen, um der Nahrung oder eines Weibchens willen, und Eines erschlug das Andere. Und das Leben war nicht mehr ein Leben des Friedens, sondern ein Leben des Krieges, daß ein Wesen das Andere vernichte. Und Furcht und Haß erzeugten fortan Eines das Andere. So lebten aber die Geschöpfe, seitdem ein Mensch getötet wurde, nicht mehr ein ganzes und ewiges Leben, sondern nur in den Maßen der Zeit und den Schranken der Jahre. Denn über alles Leben hatte sich ein Schatten geworfen, wie das Düster des Abgrundes oder wie der Erde Verdunklung in der Stunde des Abends: der Schatten des Todes. VI Und es war Kajin ruhelos und ein irrer Wanderer auf der Fläche der Erde. Alle seine Tage, Tage der Furcht und des Schreckens: tags floh er vor den Strahlen der Sonne und des Nachts vor dem Schrecken der Dunkelheit. Denn keine Stätte konnte ihn vor seinem eigenen Herzen verbergen. Und er war allen Wesen zur Furcht und zum Entsetzen, zum Gleichnis und zur Strafe, alle Geschöpfe flohen vor ihm und er vor allen. Manchmal aber, wenn sie ihn sahen, sprach Eines wohl im Herzen: »Ein böses Tier ist dies, heraufgestiegen vom untersten Abgrund«, und gedachte ihn zu töten. Da sprach einst Kajin zum Herrn: „Groß ist meine Schufd, sie zu ertragen. Siehe, Du hast mich heute vertriehen von dem Angesichte der Erde, und vor deinem Angesichte muß ich mich Bergen und irre auf der Erde, und es ward, daß Jeder, der mich findet, mich erschfagen mag. " Da sprach der Herr zu ihm: „ Waßrfich, wer Kajin schfägt, wird siebenfach gerochen werden''. Und es setzte der Herr dem Kajin ein Zeichen, daß ihn nicht, wer ihn findet, schlage. Es war aber in jenen Tagen, da wurden viele die Menschenkinder auf der Erde. Und auch Kajin kam jetzt unter die Menschen, sie erstaunten und schauderten vor ihm und wagten nicht, sich ihm zu nähern. Denn sie gewahrten auf seiner Stirn das Zeichen, das ihm Gott gesetzt: ein schwarzes, zerrissenes Mal und darinnen sich bewegend wie der blutige Kopf einer Natter. Und es war eines Tages, da fand Kajin eine Insel zwischen Flüssen, östlich von Eden, wie ein Land, verlassen und entrückt den Erdbewohnern, und er verweilte da Tage und Wochen und gedachte, daß er auch von dort werde wandern müssen. Aber Ruhe und Friede war auf jenem Ort, und Kajin verblieb und gedachte seines irren Wanderns auch im Lande seines Weilens und nannte dessen Namen »ErezNod«,das ist: »Landdes Wanderns«. Und wiederum fand er eines Tages auf dem Wege ein Weib, die floh nicht vor ihm und fürchtete sich nicht, da nahm er ihre Hand und führte sie heim und erkannte sie, und sie ward schwanger und gebar ihm einen Sohn. Und Kajin küßte seinen 48

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