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Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 47

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Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 47 (sequence 12)
Language
German
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KAJ1N Und was ist es mit Kajin? Wahrlich, er hat keine Antwort begehrt. Sein Opfer war vollkommen, nur wenn ihm kein Lohn ward. Aber weiter. Ist dieses das große Opfer des Erstgeborenen, das Opfer des /Mannes'? Kajin sollte Größeres bringen! Denn siehe, die Gottesmächte gewahren wohl der Gesetze des Menschenherzens, nur was der Mensch emporschöpfen wird aus der Tiefe seines Herzens, ist selbst den Gottesmächten nicht offenbar. Dunkel der Zukunft trennt das Eine vom Andern. Die Werke des Menschen sind verborgen im Schöße der Zeiten.« „Und es erhörte der Herr den Heßef und seine Gaße und den Kajin und seine Gaße erßörte er nicßt." IV Damals sah Kajin die Freude seines Bruders und das Wunder, das sich ihm begeben hatte aus der Hand der Gottesmächte, während ihm kein Zeichen ward und keine Antwort — und er betrübte sich gar sehr. Des anderen Morgens stand Kajin an der Stelle seines Opfers, mit trübem Gesicht und geschlagenen Herzens. Siehe, alles Wesen heute wie gestern! Alles geblieben, wie es gewesen war. Nur was er dem Herzen der Schöpfung entnommen und was er hinzugetan der Gotteswelt aus seinem Herzen, dem Menschenherzen — zu nichts war es geworden! Wahrlich, Freude gibt es in den Welten. Was aber ist Freude des Menschen? Wahrlich, Gotteswerk ist all dieses. Was aber will der Mensch zwischen dem Allen? Seine Tat wie nicht getan, denn seinem Herzen ist kein Platz gegeben in der Welt der Gottesmächte. Und es fiel Kajin zur Erde und lag regungslos stunden^, stundenlang. Dann erhob er sich mit finsterem Antlitz und warf seine Faust gegen den Himmel. Danach traf er Hebel, seinen Bruder, der einher^ ging erhobenen Hauptes in der Freude seines Herzens. »Warum haben sie dein Opfer angenommen und das meine nicht?« — »Haben sie es nicht angenommen?« antwortete Hebel in seiner Unschuld. — »Und warum haben sie es nicht angenommen?« — »Weiß ich die Werke der Gottesmächte? Wahr* lieh, gerecht sind die Gottesmächte, und wenn sie dein Opfer nicht annahmen, war ohne Zweifel ein Makel daran.« — »Ein Makel? Und dein Opfer?.. « Kajin erbitterte sich, so daß er nicht mehr reden konnte. Aber nicht konnte er einen Makel finden in seinem Opfer, das er dargebracht hatte mit seinem ganzen Herzen, aus der Fülle der Freude und des Dankes, in jener Stunde des Morgens, da er gänzlich darinnen stand in der Welt der Gottesmächte, in der Dahkeswonne der Welten. Und es war, als er wieder Hebel, seinem Bruder, begegnete, dem gottgeliebten, da lachte dieser in seiner Unschuld über den Anblick seines Bruders, den finsteren, der ihm seltsam war und fremd, denn noch hatte er den Schmerz nicht erkannt. Und Kajin schwieg, denn es erzürnte ihn sehr und es verfiel sein Angesicht. Da sprach Gott zu Kajin: „ Warum Bist du erzürnt und warum ist dein Angesießt verfaffen? Türwaßr, wenn du am Guten dieß ßäftst, wirst du es ertragen, wenn aßer nicßt, so fageri die Sünde an der Pforte und naeß dir ist ihr Verlangen, du aßer soffst Herr üßer sie sein. "Aber Finsternis hatte sich über den Geist Kajins geworfen, daß er die Worte des Herrn nicht hörte in seinem Innern, und er stand einsam in der Welt, denn die Wesen waren ihm fremd geworden und wie Feinde die Gottesmächte. Und es war des Abends, als er zum drittenmal seinem Bruder begegnete. Da lauerte er hinter ihm unter einem Baume, dann warf er sich über ihn und schlug ihn in der Wut seines Zornes und schlug ihn zu Tode. Hebel aber, sein Bruder, war nicht über ihn in Wut geraten, denn er kannte den Zorn nicht, sondern es war ihm, als sei ein Tiger aus dem Walde emporgebrochen oder als habe ein Stein vom Himmel ihn getroffen. Und siehe, vor den Augen Kajins war Finsternis. Nur ein Rotes, Rotes floß von der Stelle, wo er seinen Bruder getroffen. Und Kajin lag in einer Furche des Erdbodens, die noch warm war von der Sonne des Tages und jetzt siedend wurde von dem roten Strome, der aus der Wunde floß. Dann stieg ein schwarzer Nebel aus der Erde und es war wie der Schlund des Abgrundes, der sich auftat und das Blut verschlang. Nur aus dem Nebel bohrten sich von allen Seiten rings wie Flammen tausend große, brennende Augen, Augen des ver^ gossenen Blutes. V Und es war in der Stunde der Nacht, da tastete Kajin in der Dunkelheit neben sich etwas Weißes und Kaltes und Glattes, wie das Gebild eines Menschenleibes: da fiel Angst und Entsetzen über ihn, und er floh und lief und wußte nicht wohin. Doch hörbar wurde ihm die Stimme des Herrn: „ Wo ist Heßef, dein Bruder?" Und er sprach: „Icß weiß es nicßt. Bin icß der Wäcßter meines Bruders?" Und der Herr sprach: „ Was ßast du getan?" Kajin aber lispelte: »Fürwahr, auch er hat 47

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