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Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 46 (sequence 11)
Language
German
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KAJIN wort. Dann sagte er: »Weißt dus, mein Bruder, daß alles von den Gottesmächten kommt, der Ertrag des Feldes wie das Geworfene der Rinder und der Schafe?« Hebel erstaunte. Dann fuhr er fort: »Bringt man darum Gaben den Gottesmäditen, daß sie das Getreide voll machen und die Tiere fett?« Kajin schwieg, denn er verstand die Frage seines Bruders nicht völlig, wie auch diesem die Worte Kajins sich nicht klärten. Als sie sich aber getrennt hatten, nahm Hebel eines von den Schafen, ein erstgeborenes und auserlesenes seiner Herde, schlachtete es,schnitt das Fleisch in Stücke und sonderte das Fett, schichtete Hölzer, entzündete ein Feuer und verbrannte die Stüdte und das Fett und fügte noch ein Weniges hinzu von den Gewürzen der Berge, um einen wohlgefälligen Duft aufsteigen zu lassen zu den Gottesmächten, und rief: »Ach denn, ihr Gottesmächte, empfanget doch von mir dies Opfer: ein untadelig Männliches, ein Erstgeborenes von dem Besten meiner Herde. Und machet mir fett und fruchtbar alle Tiere, die ich weide!« Aber der Satan warf einen Zweifel in sein Herz. Wie kann er wissen, ob die Gottesmächte ihn gehört, wenn alles dies so wird, wie es ja schon war? Und was soll ein Gebet, daß sie ihm geben, was er schon besitzt? Ist in seinem Herzen kein anderes Begehren? Und fehlt ihm denn nichts, was Gottesmächte ihm geben können? Ja, es werden Tage der Dürre kommen, da wird kein Gras und Futter sein, auch Tage des Frostes, da werden Füchse und Wölfe aus den Wäldern brechen und die Herde schredcen. »O doch, ihr Gottesmächte, lasset mich nicht leer von dannen gehen und gewähret mein Verlangen,- so ihr es aber gewähret und das Opfer empfanget, tut es mir durch ein Zeichen kund!« Da begab sich ein Wunder. Denn siehe die Herde! Was war unter sie gefallen? Denn im Augenblidt waren alle weiblichen Schafe und Ziegen trächtig geworden und viele von ihnen warfen auch schon. Und jede hatte die Euter voll Milch, daß man auch ohne Ende davon hätte melken können, denn wie du sie melktest, enthielten die Euter um nichts weniger. Und welche Heiterkeit unter den Tieren! Alle sprangen sie und kletterten Eines über das Andere und blökten und meckerten. Ja selbst die eben erst geworfen waren, leckten und umschlangen Eines das Andere und erhoben die Stimmchen und kamen in ein Tanzen. Da richtete sich Hebel auf mit leuchtendem Angesicht und rief: »Habt Dank, ihr Gottesmächte, denn heute habe ich euch erkannt, bekannt wurde mir die Fülle eurer Gnaden, dieweil ihr mein Opfer angenommen!« III Dieses aber waren die Begebenheiten im Himmel, betreffend die Opfergaben, welche Kajin und Hebel brachten den Gottesmächten des Lebens. Es saß der Engel, der über die Opfer gesetzt ist, am Himmelskreise und spähte rings über alle Welten. Und siehe, von der Erde, der Menschen^ weit, die vor kurzem erst emporgestiegen war aus dem Abgrund, löste sich zagend, stieg auf und näherte sich ein ringelnder Rauch von Feuer mit Wohlgerüchen. Es staunte der Engel über diesen neuen Anblick: des ersten Opfers, eines Opfers von Menschenhand. Und auch da aufstieg das zweite Opfer, das Hebel brachte — Opfer und Gebet — lächelte er in seinem zarten und gütigen Herzen und sprach: »Siehe, ein Verlangen zugleich mit dem Opfer! Gewißlich wird es Gott erfüllen, das Verlangen Hebels, damit diesem kund werden Werke der Gottesmächte und sich offenbare Herrlichkeit der oberen Dinge. Dann wird auch er mit Dank erkennen, was über ihm ist, und in Scheu und Ehrfurcht uns nahen!« Da trat der Engel der Gerechtigkeit herzu und sprach beschwerdeerhebend: »Und Kajin und sein Opfer werden wir nicht erhören? Siehe, Hebel brachte das seine nur nach dem Beispiel Kajins. Und getötet hat er ein Lebendes, zu seinem eigenen Frommen, damit wir mehren und sichern den Reiche tum seines Viehes. Kajin hingegen stand in der Fülle des Lebens, des Lebens aller Wesen, in der Stunde, da er sein Opfer brachte. Nicht wirkte er Schmerz einem Lebenden, denn er fügte noch Freude seines Dankes zur Wonne der Welten. Fürwahr, wir nehmen in Wohlgefallen das zweite Opfer, das Opfer Hebels, das ,nichtige'*, und das Opfer des Erstgeborenen der Menschen, das Opfer des ,Mannes'**, nehmen wir nicht?« Aber der Satan trat zwischen beide. »Ist dieses wirklich das Opfer des ,Mannes'? Was tat denn da Kajin als ein Tun seiner Lust, einer Lust des Augenblicks? Geringwertige Dinge brachte er dar. Was opferte er mit seinem Opfer? Und wenn er schon Dank uns darbot, sollen wir Dank mit Dank bezahlen? Wahrlich, Kajin vermochte Größeres als jenes!« Und der Allheilige, Er sei gepriesen, neigte sein Ohr den Worten des Einen und des Andern und entschied zwischen beiden. »Wahrlich, nach Gerechtig^ keit zielten die Worte des Engels der Gerechtig^ keit, aber Wahrheit ist auch in den Worten Satans. * Nach der Etymologie des hebräischen Wortes »Hebel« <s. Gen. 4/1). ** »Mann« im Sinne der ersten menschlichen Individualität. 46

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