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Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 45

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 45 (sequence 10)
Language
German
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A J I BIBLISCHE ERZÄHLUNG VON ERNST MÜLLER N Stammt aus einem k'feinen StädtaSen 5üdtttäßrens, wo er 188o geßoren tourde. Es er" sSienen von Ernst Milffer Bis nun: die Übertragung von Cß. N. BiafißsGediaSten (#. Löwi:=Verfag, Wien)j Mr. ißn Esra's „BuaS der Einßeit" CWeft=Verfag, Berfin),- „Der Sodar und seine Leßre" (R. Löwit= Verfag, Wien). I Ein Morgen war es der Urzeittage. Noch streiften über den Saum der Erde die Spuren der Schöpfungsmorgenröte, noch leuchteten mit der Sonne verborgenen Urlichts Strahlen, nodi lag Tau der Weltenkindheit in den Blütenkelchen — und siehe, ein Mann stand gegenüber dem Sonnenaufgang, hohen Wuchses und mit leuchtenden Augen, kraftgeschwellt die Brust, und mit ausgebreiteten Armen. »Siehe ich!« — so rief Kajin mit herrlicher, helU tönender Stimme — »und siehe der Tag! Wie hen> lieh seine Erscheinung! Wie erhaben sein Glanz! Und wie schön jegliches Wesen! Erneuert hat sich der Garten Eden, von dem die Mutter erzählt, wiedergekehrt scheinen die Tage der Schöpfung! Und wer hat dies alles erschaffen? O Elohim, mein Gott, Gottheit alles Wesens! Wie freu ich mich euch entgegen, ihr Gottesmächte, wie juble ich vor eurem Angesicht! Preis euch imd Lob, Laut und Jubelstimme, Sangesspiel und Dank!« Da aber schwieg Kajin und war, als war er geworfen in alle Abgründe des Jauchzens, gänzlich getaucht in die Tiefen seligen Glückes. Nur aus dem Innersten des Schweigens stieg ein Gedanke in seinem Herzen empor: hell wie der Morgen, herausgeboren aus dem heftigen Verlangen, zu ergießen seine ganze Freude in die Wogen des Jubels, der ihn umgab, hinzuzutun Freude des Menschen der Wonne der Welten. »Was aber vermag ich zu geben? Was zu geben dem Gotte des Alls, dem allmächtigen Wesen, dem Herrscher der Welten? Kann ein Ding sein: ein Mangelndes dem Allumfangenden? Kann meine Hand fassen, was nicht Sein Schoß umfaßt?« Da stand Kajin still und ihn überschauerte ehrfürchtige Demut. So ging er denn und pflückte irgend Blüten von den Blüten des Feldes, irgend Früchte von den Früchten des Bodens und der Bäume, irgend Gewürze von den Gewürzen der Berge und brachte sie dar — ein Dankopfer dem Herrn. II Aber auch Hebel, sein Bruder, war im Herzen fröhlich an jenem Morgen, da er das Kleinvieh weidete auf dem Abhang des Hügels. Wohlgefällig blickte er auf die Lämmer und Schafe, wie sie zwischen den Steinen kletterten und zwischen den Gräsern hüpften. »Wie gut ist dieser Anblick und wie erquickend dem Auge! Wie weich die Wolle der Tiere, wie fett ihr Fleisch und wie gespannt die Euter! Noch in diesen Tagen hat sich die Zahl der Lämmer verdoppelt. Ein weniges und dieser Platz wird gar nicht mehr ausreichen. Noch heute such ich eine andere Weidestatt!« Und wie Hebel ausging, die neue Weide zu suchen, warf er auch den Blick auf die Kräuter, voll von Saft und Fruchtbarkeit, welche die Tiere froh machten und fett, auf die Bäume, schwer beladen mit Früchten, auf den Boden, der noch dampfte, dieweil er eben erst geackert und geeggt war. Kajins Werk, seines Bruders! Und siehe, er selbst in seiner Kraft und Jugendreife! Was aber tut dieser? Sein hoher Wuchs niedergebeugt, er kauert am Boden und rutscht auf den Knien, um Hölzer zu schichten zu einem Stoß, um Blüten und Früchte zusammenzuhäufen, um ein Feuer zu entfachen, damit von hier aufsteige ein wohlgefälliger Duft, ein Feueropfer dem Herrn. In Furcht und Staunen schwieg Hebel. Sein Bruder hatte ihn nicht gehört, ganz versunken in das Werk seines Opfers. Und Hebel ging und ver* barg sich hinter einem Baume, bis sein Bruder das Opfer vollendet. »Was tatest du?« fragte ihn Hebel, als sie einander plötzlich begegneten. Kajin schämte sich und seine Zunge war schwer in seinem Munde. »Irgend Dinge brachte ich den Gottesmächten, welche alles dies erschaffen haben.« — »In welcher Absicht brachtest du sie dar?« — Kajin fand keine Ant= 45

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