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Das Zelt · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 36

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 36 (sequence 46)
Language
German
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MARIANNE MEYER, EINE JÜDISCHE TREUNDIN GOETHES auf den großen Dichter hervorbrachte, ist durch die Tatsache bewiesen, daß sie jahrelang im Briefwechsel standen*. Frau von Eybenberg war es auch, die Goethe für die Gattin des Kaisers Franz, die Kaiserin Maria Ludowika von Österreich, Tochter des Erzherzogs Ferdinand von Este, interessierte, indem sie ihm ein anziehendes Bild der »lieblichen, wohlunterrichteten, im Geiste heiteren, jedem mit Wohlwollen begegnenden« jungen Fürstin zeichnete, was mit dazu wirkte, daß Goethe, als er sich im Jahre 1810 in Karlsbad befand, wo auch die Kaiserin Maria Ludowika am 6. Juni eintraf, ein Empfangsgedicht zu ihrer Begrüßung verfaßte. Sdion zwei Jahre vorher, im Sommer 1808, war Goethe, der sich eines heftigen, sehr schmerzhaften gichtischen Leidens wegen wieder einmal nach dem österreichischen Weltbade geflüchtet hatte, abermals mit seiner Freundin Marianne zusammengetroffen. Bei ihren Mahlzeiten und auf häufigen Spaziergängen erzählte sie ihm von einer italienischen Reise, die sie unternommen hatte, und von ihren Künste Sammlungen. Der Dichter schätzte das Urteil seiner damals schon verwitweten Freundin so hoch, daß er ihr über seinen eben begonnenen Roman »Wahlverwandtschaften« berichtete und ihr seine neuesten Dichtungen: »Die pilgernde Törin«, »Die * Ihre Briefe an ihn findet man im Goethe=Jahrbuch XVI und im zweiten Band von Sauers Werk »Goethe und Österreich«. neue Melusine«, »St. Joseph der Zweite«, »Pandora« und neue Sonette vorlas. Goethe, der so oft unter der Verständnislosigkeit, Engherzigkeit und Ablehnung der vornehmen deutschen Kreise gelitten hatte, empfand es dankbar, daß jüdische Männer und Frauen, unter Letzteren auch die berühmte Berliner Jüdin Varnhagen von Ense, geb. Rahel Levin, eine ehrliche und begeisterte Zuneigung und förderndes Interesse für ihn offenbarten. Diese Jüdinnen, die wohl Goethes eifrigste Leserinnen waren und für seine Werke in den ihnen zugänglichen Kreisen Propaganda machten, würdigten vieles in seinen Dichtungen Verständnis* voller als die christlichen Frauen, die, mit ihrer engherzigen Auffassung von Sittlichkeit, dem Dichter mancherlei zu seinem Nachteil anrechnen zu müssen glaubten. Auch später noch, als sie nicht mehr in persönliche Berührung kamen, blieb Goethe in brieflichem Gedankenaustausch mit der von ihm sehr geschätzten Freundin und sandte ihr wiederholt seine neu erschienenen Schriften zu, um ihr kluges Urteil zu hören. Darum wird auch das Andenken der schönen, geistvollen Jüdin Marianne Meyer nicht verloren gehen, solange es noch Freunde deutscher Literatur gibt. Audi von ihr gilt, wenn auch nicht in so hohem Maße, was ein Goethe^Enthusiast von Friederike Brion gesagt hat: »Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, so hell, daß er Unsterblichkeit ihr lieh.« GEORG EHRLICH DER VERLORENE SOHN Radierung 36

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