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Das Zelt · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 35 (sequence 45)
Language
German
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MARIAN JÜDISCHE NE M E y E R, EINE FREUNDIN GOETHES VON ARTHUR ZAPP Den antisemitischen Rassenforschern, welche die absolute Reinheit der germanischen Rassen vertreten, ist schon oft entgegnet worden, daß es reine Abkömmlinge der alten Germanen überhaupt nicht gibt. Die Deutschen von heute sind gemischt aus Germanen, Romanen, Kelten, Slawen und Hunnen und, so schmerzlich es auch klingen mag, es fließt in deutschen Adern auch ein Teil jüdischen Blutes, und zwar nicht nur in den mittleren Ständen Deutschlands, sondern vornehmlich in der hohen, ja höchsten Aristokratie. Um nur einige wenige Beispiele anzuführen: Herzog Luis Decazes, durch seine Mutter ein Urenkel der Prinzessin Wilhelmine von Nassau und Saarbrücken, heiratete ein Fräulein Löwenthal. Freiherr Ernst von Haynau, Urenkel des Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen, war mit einer geborenen Mauthner, einer Jüdin, vermählt, und der jüdische Arzt Dr. Mautner in Budapest ist der Gatte von Antonie Classen, einer Nichte des Professors Esmarch, dessen Gemahlin bekanntlich eine Prinzessin von Schleswig^Holstein, eine Tante der nachmaligen deutschen Kaiserin Auguste Viktoria war. Marianne Meyer, die schöne Freundin Goethes, Tochter einesBerliner jüdischen Kaufmannes, heiratete den Fürsten Heinrich XIV. von Reuß-Plauen aus einer uralten, in mehrere Zweige gespaltenen deutschen Adelsfamilie, deren Stammbaum sich bis zum Jahre iooo zurück verfolgen läßt. Schon 1120 GEORG EHRLICH ELISABETH BERGNER Radierung übertrug Kaiser Heinrich IV. seinem Marschall Heinrich von Gleißberg infolge seiner Verheiratung mit der Markgräfin Berta von Österreich die Vogteien zu Greitz, Hof und Plauen. Aus dieser älteren Linie Reuß stammte der Gemahl der Tochter des reichen Berliner Bankiers Meyer. Marianne hatte eine jüngere Schwester Sara, die, fünfzehnjährig, an den Kaufmann Lipmann Wulff verheiratet wurde. Beide Schwestern zeichneten sich nicht nur durch körperliche, sondern ebenso durch geistige Vorzüge aus, und brachten besonders der Literatur lebhaftes Interesse und tiefes Verständnis entgegen. Die herzlichen Beziehungen, die Schiller und nachher Goethe besonders zu Marianne Meyer unterhielten, sind überzeugender Beweis dafür. — Bevor Marianne Goethe kennen lernte, hatte ihre blendende Schönheit und ihr geistreiches Wesen ihr bereits drei Verehrer gewonnen. Zuerst huldigte ihr Graf Geßler, ein Freund des Körnerschen Hauses in Dresden, hierauf Graf Christian Bernstorff, ein Sohn des dänischen Ministers und nachmaligen preußischen Ministers des Auswärtigen Andreß Bernstorff und, schließlich der Fürst Heinrich XIV. von Reuß-Plauen, mit dem sie heimlich getraut wurde. Im gleichen Jahre heiratete ihre Schwester einen Baron von Grotthus. Mit dem großen deutschen Dichter wurde die Gattin des Fürsten Reuß, der nach ihrer Trauung der Name einer Frau von Eybenberg verliehen wurde, im Jahre 1795 in Karlsbad bekannt. Goethe, mit seinem für Frauenanmut so sehr empfänglichen Herzen, nahm die Huldigungen, die ihm die beiden Schwestern entgegenbrachten, mit großer Freundlichkeit auf, und besonders die Beziehungen zu Marianne gestalteten sich rasch zu einem innigen Freundschaftsverhältnisse, das lange Jahre währte. In Karlsbad wurde Goethe der häufige, wie es scheint, fast tägliche Begleiter der anmutigen jungen Frau. Ihre Schönheit und die von geistreichen Einfällen sprühende Unterhaltung übten eine große Anziehungskraft auf ihn aus, wie eine seinem Freunde Schiller gegenüber getane Äußerung bekundet. »Die Gesellschaft ist zahlreich und gut. Auf alle Fälle habe ich gleich einen kleinen Roman aus dem Stegreif angeknüpft, der höchst nötig ist, um einen morgens um fünf Uhr aus dem Bette zu locken.« Daß es kein flüchtiger Sinnen* reiz, sondern ein tiefgehender Eindruck war, den diese erste Begegnung mit der schönen Marianne 35

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