Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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ERSTE BEGEGNUNG erbaut hat und aus dem er jetzt so ausgeschlossen wird. — Ihm gilt das? Was rufen sie? — Jud? Jud? — Wen meinen sie? Und Harry — Hirsch? — Ja, er hat ihnen selbst stolz erzählt, daß er früher Harry gerufen wurde, jetzt aber Harold heißt. Und Fritz ist dabei — ist der Anführer? Er ist so starr, daß er nicht einmal daran denkt wegzulaufen oder den Kugeln auszuweichen. Er ist einfach zur Bildsäule erstarrt. Und dieser jähe Übergang von jubelndem, kreischendem Vorwärtsstürmen zu der Schreckens^ starren Versteinerung wirkte so überwältigend komisch auf den Geheimrat und seine Ehehälfte, die abseits standen und mit Wohlwollen und Freude dem Spielen ihrer Kinder zusahen. Auch ihre Kinder hatten am Vormittag von dem herrlichen Boot, und von den Kameraden erzählt. Harold Adler ist auch dabei? So, so — mit dem Judenjungen spielt ihr auch? Die Bemerkung hatte genügt. Das Lachen des Geheimrates steckte an und alle Welt schüttelte sich vor Lachen. Harold drehte mechanisch den Kopf nach der kichernden Gesellschaft hin. In eben dem Moment traf ihn eine Schlamm^ kugel mitten ins Gesicht. Er griff sich mit den Händen nach den Augen, um den Schmutz her^ auszuwischen und sehen zu können und verschmierte sich dabei das ganze Gesicht. Wie er dastand und sich die Augen mit beiden Fäusten rieb und langsam die Tränen sich durch den Schmutz ihren Weg bahnten, sah er wirklich erbärmlich und verachtenswert aus. Sein weißer Matrosenanzug war überall schlammbefledit und schmutzig. Alle Kinder sahen verächtlich auf ihn, wie er seine Mütze aufhob und langsam durch den Sand davonschlich, zögernd, als wisse er nichts mit sich anzufangen. »Nein, nun ist's genug, Kinder,« rief Frau Rühmkorff hinüber, als der wilde Alex aus dem Boot sprang, um Harold zu verfolgen. »Spielt brav hier weiter. Ihr braucht euch mit dem schmutzigen Jungen nicht weiter einzulassen!« »Man hat doch seine Freude an der lieben Jugend,« sagte schmunzelnd der Geheimrat, während sich die Gesellschaft auf dem schmalen Steige zu ihrem gewohnten Nachmittagsspaziergang gruppierte. »Man erinnert sich der eigenen schönen Knabenzeit und freut sich, daß alles so ganz gleich geblieben ist. Es gibt doch keine größere Freude als zu sehen, wie die neue Generation ein genaues Abbild der alten ist.« JOSEF FLOCH WEG ZUM BAHNHOF IN JERUSALEM 29