Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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ERSTE BEGEGNUNG VON SAMMV GRONEMANN Advoßatin Berfin, stammt aus Hannover. Er ivurde duraS seinen ßumoristiscßen Judenroman „Toßuivaßoßu" ( Weft= Verfag, Berfin) mit einem Sdifag ßeßannt. Die vorlegende Sßizze ist einem noeß iu\ßterscßienenen Romane entnommen. Der alte Geheimrat lachte, daß ihm die hellen Tränen nur so über die Backen hinabkollerten. Es war aber auch zu komisch, wie vertattert der kleine Judenbengel dastand, wie völlig fassungslos und überrascht er regungslos, mitten im jubelnden Lauf aufgehalten, in die Welt starrte, mit großen, aufgerissenen Augen, die Hände noch halb gehoben, im Schwünge erstarrt, und wie er die Wurfgeschoße, aus feuchtem Sand zusammengeballt, die auf ihn niederklatschten, gar nicht zu beachten schien. Es war Harolds erste Berührung mit der Außenwelt * Was war das für ein herrlicher Vormittag am Strande gewesen. Er konnte, als er mittags eilfertig zu Hause in der Sommerwohnung erschien, gar nicht genug von all den Herrlichkeiten erzählen. Welch wundervolles Boot hatten sie nicht in den Sand gegraben — der Alex un4 Fritz von dem Geheimrat Keller — der Wilhelm vom Ersten Staatsanwalt Krumme und die anderen großen Jungen,- er und die kleine Karla vom Professor Rühmkorff, sie ging schon zur Schule und war ein ganzes Jahr älter als er,- aber er nannte sie stets die kleine Karla, sie hatten tapfer mitgeholfen und in dem Eimerdien das Wasser herangeschleppt, um die Form festzumachen. Ach, wie schön das Boot war, mit drei Bänken in der Mitte und einem breiten Steuersitz und allem, was dazu gehört. Und nach allen Seiten war der Sand so fortgeschafft, daß es wirklich und wahrhaftig wie ein echtes rechtes Boot aussah, das im Sande lag. Und er müsse sich beeilen, denn gleich nach Tisch wollten sie alle sich wieder im Boot treffen und spielen. »Marine« wollten sie spielen, rudern wie die Matrosen auf dem »Prinz Heinrich«, der jüngst auf der Reede gelegen hatte, und er dürfe nicht zu spät kommen. Nur mit Mühe konnte er dazu gebracht werden, überhaupt etwas zu essen, und kaum war der letzte Bissen hinunter, stapfte er schon davon, glücklich und aufgeregt und maßlos stolz auf seine Freundschaft mit den großen Jungen. Was waren das für prächtige Kinder, und besonders der Fritz. »Das ist der schönste und netteste Junge, den es auf der Welt gibt,« hatte er zu Hause erklärt und Frau Adler hatte gelächelt und ihm sanft das Haar gestreichelt. Ach, war die Seestraße heute lang! Endlich ist er am Ende angelangt und klimmt die Düne hinauf. Da, weit unten ist das Boot und alle die Jungens sind schon drin, die ganze Besatzung. Und da an der Seite stehen so viele Herren und Damen, da sind Professors und Geheimrats und Staatsanwalts,- schade, er hätte seine Eltern auch mitbringen sollen, das Werk zu bewundern. Wieso sind die anderen Eltern alle immer zusammen und seine nicht dabei? Er läuft die Düne hinab und stampft keuchend und erhitzt durch den Sand, er jauchzt und kreischt und schwingt die Arme, um von weitem die Kameraden zu grüßen. Wie hat Fritz sie den Ruf gelehrt? »Boot — ahoi!!« Keiner antwortet! Haben sie ihn nicht bemerkt? Doch,- Alle sehen ihm ja entgegen, aber Keiner rührt sich, keine Hand hebt sich, Alle haben sie die Hände gesenkt, als hielten sie etwas in ihnen. Nun ist er auf dreißig Schritt heran und plötzlich gellt die Stimme von Fritz hoch auf: »Achtung! — Los!« Und auf springt die ganze Besatzung und es brüllt lachend über den Strand: »Jud! Jud! Itzig! Harry! Hirsch! Hepp — Hepp!« Und die Arme werden geschwungen und nasse Sandkugeln, in Massen vorbereitet und hinter dem Bootsrand verborgen gehalten, sausen auf Harold. Klatsch! trifft ihn eine an den linken Arm — klatsch, reißt ihm eine die Matrosenmütze vom Kopf. Klatsch, klatsch! plumpsen sie neben ihm rechts und links in den Sand. Und Harold, erschrocken und verständnislos, ist mitten im Lauf stehen geblieben, starrt mit großen ratlosen Augen fassungslos auf seine Kameraden von heute früh und das herrliche Boot, das er mit- 28