Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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GESANG AN PALÄSTINA JOSEF FLOCH heißes Fleisch der Frucht und läßt guten Geschmack auf der Zunge zurück. Trauern und nachdenklich sein lehrst du, Ölberg ob der Stadt. Die süßen Tropfen deiner reifen Früchte fallen wie Blut mit der salzigen Träne nieder auf den opalen schimmernden Pfad, nieder auf die geheiligten EdeU steine der göttlichen Spur. Vom Grat des Berges überfliegt der Blick die geneigten Dächer, die ragenden Türme, Dome, Minarette der weißen Stadt, die aus Felsenklüften, Strombetten aufsteigende. Hinüber fliegt der irre Blick suchend, trunken, zum armen Hügel, dem zerbrochenen, gering geachteten und mißbrauchten. O jahrtausendelang verachteter und verkannter armer Hügel Golgatha! Kaum darf der Blick auf dir ruhen, kaum vermag er dich zu finden, zu erkennen, mäßig nur hebt sich dein zerrissener Hang, deine zerbrochene Flanke über die Mauerscharten des Tores, das nach Damaskus sieht. Tief starren Löcher im gelblichen Steinbauch des zertrümmerten Hügels. Abergläubische meinen, das seien die Augenhöhlen der Schädelstätte. Sie ziehen den Blick an, die starrenden Höhlen. Über Berghang, Kidronschlucht, hellen Plan vor der Omarmoschee, über das geneigte Gewirr all der Dächer, den Wald glockenbehängter Türme sendet die sehnsüchtig weit vorgereckte Hand aus zitternden Fingerspitzen Strahlen der Liebe und des liebenden Verlangens, zart, doch sicher zu dir, winziger Hügel,-winzig und zerbrochen, den Tränenflor der Jahrhunderte sichtbar umkreist. Zu dir, Hügelstätte der Toten, deinem zitternden schwachen Gestein strömt Sehnsucht unaufhörlich. Dein schwacher bröckelnder Stein schmilzt unter Regentau und zerrinnt wie schwaches wehes Fleisch des gemarterten Gerechten aller Ewigkeit. In der Stunde meines Sterbens werde ich deiner gedenken, Jeruschalajim, Heilige Stadt. Wie ich einst in der Stunde meines ohnmächtigen Schmerzes durch deine teuren Mauern schritt, deine dunklen, schwer^ mütigen, überdachten Straßen. Ich war ein betrübter Gast in deinen Gassen, Jeruschalajim, und nie bin ich zum Gebet eingekehrt in deine Stätten des Trostes und der Erhebung. Wohl rührte meine Stirn an die Quadern des Tempels, den mein Volk erbaut hat. Doch sie waren nur kalt und rührten mein Blut nicht zu stürmischer Schwingung auf. Ein Eslein sah ich stehen an einen Ring gebunden, an kurzem Strick. Nahe bei der Mauer eines ver^ fallenen Hauses stand es, silbergrau, mit zarten Füßen, gestoßen im Gewühl. Schwerbeladen mit schweren Säcken wartete es auf seinen Herrn. Schläge und Stöße der Vorüberhastenden brachten es für Augenblicke aus dem Gleichgewicht, doch es wankte nur, rührte sich aber nicht von der Stelle. 23