Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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ERICH WOLTGANG KORNGOLD ganz orientalische Art des Musizierens nach Europa gebracht haben. Im Okzident konnte sich die Musik nur von dieser angeblichen »Dienerrolle« emanzipieren, weil die entwicklungsgeschichtliche Harmonie das Materiaf für die Musik abgab, aus dem sie nun unbegrenzt schöpfen konnte — zu ihrem schließlichen Verhängnis. Mit dem Kampf gegen die rein entwicklungsgeschichtliche Harmonie mußte auch notwendig wieder die Art des Orients lebendig werden, die innerhalb der Grenzen des Rhythmus und der Melodik weit autonomer war, als die angeblich »befreite« abendländische Musik. Damit Hand in Hand geht auch der Kampf gegen das Musikdrama und für die Oper, denn die Oper, wie sie besonders unter Meyerbeers und Halevys Pariser Hegemonie entstand, trug eben den Keim dieses versteckten Orientafismus in sich, der heute offen ausgebrochen ist. Wie sehr Korngold in seiner Musik vom Rßytßmus ausgeht, sehen wir nicht nur daran, sondern auch an der freien Handhabung des Taktes, besonders in seinen Opern. Man vergleiche dazu als schlagendes Beispiel die deklamatorischen Partien der »Violanta«, die von der Takteinteilung voll* kommen unabhängig sind. Marscßrßytßmen be* gegnen uns in der »Violanta«, wie Kinderfieder in der »Toten Stadt«: zwei weitere Merkmale der jüdischen Musik, wie ich es schon bei anderen Gelegenheiten dargetan habe. Interessant — und nicht nur interessant, ist auch die Tatsache, daß bereits in der »Violanta« mehrfach die Ganzton* feiter erscheint, in einer Zeit also, in der Korn* gold ganz gewiß noch nichts von ihrer brennenden Aktualität wußte. Die Ganztonleiter ist bei ihm so elementar jüdisch, wie bei Schönberg, oder wie bei Mahler die Pentatonik und bei Bernhard Sekles die Anklänge an das arabische Tonsystem. Hier drängt sich überall aus dem Unterbewußten Verschüttetes hervor, der Dreißfang ist eßen nicßt die Tonspracße des Juden, sondern einzig das was er vom Orient ßer nocß im Bfute trägt. »Der Ring des Polykrates« ist bei Korngold ebenfalls kein Zufall, wie die Musik zu Shake* speares »Viel Lärm um Nichts«,- vielmehr ist dieser eigenartige Humor mit seiner leisen Ironie ein psycßofogiscßes Merkmal, dem wir im ostjüdischen Volkslied ebenso oft begegnen, wie bei Mahler, und wofür Offenbach bis jetzt der klassische Ausdruck geworden ist. Auch hier klingt überall soviel Verdrängtes hindurch — das ist es wohl, was diese sonst allgemein-menschliche Erscheinung zu einer spezifisch jüdischen macht. Die jüdische Ironie und der jüdische Humor sind immer von einer versteckten Wehmut durchzogen, denn dahinter liegt etwas, das schreien möchte und doch nur lachen darf. Ist Korngolds Musik auch nicht so sehr von dieser seelischen Problematik beschwert, so trägt sie doch Keime im Versteckten, die ihr verdrängtes Judentum verraten. Erich Wolfgang Korngold ist kein dämoniscßer Musiker. Aber er ist ein Musiker. Den Vergleich mit Mozart wird er aller Voraussicht nach nicht erfüllen, wie ja Mozart überhaupt nur ein ein* maliges, unwiederholbares Ereignis war, das hoch* stens stellenweise erreicht werden könnte. Die Ähnlichkeit der Jugendgeschichte braucht aber darum nicht undurchgefuhrt bleiben. Korngold könnte für das Judentum immerhin noch eine ähnliche Bedeutung erlangen. Inzwischen hat das Judentum allerdings einige dämonische Musikernaturen hervorgebracht, sodaß Korngold noch sehr um einen Preis zu ringen hätte. Aber seine Jugend läßt uns wenigstens hoffen. Mag er sich entwickeln, wie er will: innerßafß der Gescßicßte der jüdiscßen Musiß — so sehr sich Korngold gegen diese Einordnung in das Judentum sträuben mag — bedeutet er auf jeden Fall ein musikalisches Ereignis, an dem man heute schon nicht mehr einfach vorbeigehen kann. Phot. S. Fand JEMENITISCHE SCHULE (PALÄSTINA) 17