Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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ERICH WOLTGANG KORNGOLD frappierte, ohne daß man den Eindrudc des Gesuchten oder Errechneten hatte. Also wirklich doch ein Wunderkind? Oder vielmehr: nur eine anpassungsfähige Natur? Man sieht, die Antithese ist weit genug zugespitzt! Die Anpassung Korngolds ist ganz und gar ein jüdisches Moment, und sie fordert uns natürlich zu der Frage heraus, ob sie dadurch auch ein unschöpferisches Moment ist. Angepaßt haben sich die Juden schon seit sie existieren: Ägypten ist das erste große historische Beispiel. Und selbst Mose konnte die Befreiung des Volkes nur volU ziehen, indem er sich theoretisch und praktisch den Mitteln der ägyptischen Zivilisation anpaßte. Die Juden sind das einzige Volk der Welt, das dauernd in der Anpassung gelebt und geschaffen hat. Sind sie darum aber notwendig auch das unschöpferischeste? Ist die Bibel darum unschöpferisch, weil sie sich in ihren Elementen dem alten Orient angepaßt hat? Ist der Talmud darum unschöpferisch, weil er sich den Elementen des griechischen Denkens angepaßt hat? Ist die Kabbalah darum unschöpferisch/ weil sie sich den Elementen der Gnosis angepaßt hat? Merkwürdig ist dann ihre historische Wirk^ samkeit, welche die der Elemente bei weitem über^ trifft. Das Schöpferische Hegt offenßar nicht auf der Eßene der originellen -»Produktion«: sonst müßten die Amerikaner beule das schöpferischeste Pofk sein. Warum ist ihr Sensationstaumel aber gerade das Unschöpferischeste, was heute auf der Welt geschieht? Offenbar nur: weil das Schöpferische niemals affein Bei der »Produktion« liegen kann, sondern sich nur des Mitte fs der Produktion Bedient, wie es sich umgekehrt auch des Mittels der Anpassung Bedienen kann. Anpassung ist die schöpferische Leistung des Weißes, wie Produktion die schöpferische Leistung des Mannes ist — wenn sie eine schöpferische Leistung ist. Korngold ist ein durch und durch femininer Musiker — daher seine starke Anpassungs^ fähigkeit. Als ich Korngold einmal seine Musik zu Shakespeares »Viel Lärm um Nichts« dirigieren hörte, sah ich ihn zuvor auf der Straße. Seine Züge waren derart weiblich weich, daß ich ihn sofort erkannte nach der Sonate und den Liedern, die ich zuvor von ihm gehört hatte. Der weibliche Zug in Korngolds Musik steht also ganz in seinem Gesicht. Ohne hier etwa auf Physiognomik abzusehen, . bemerke ich dies. Was mir dabei wichtig ist, ist einzig die Tatsache, daß Korngofds viefgerügte Anpassung durchaus nicht afs unschöpf erisd) zu werten ist, sondern einzig afs nicht auf der Ebene der sogenannten »origineffen Produktion« liegend. Damit haben wir die Möglichkeit einer anderen Einstellung zu ihm, wie zu dem Judentum überhaupt. III. Geht man Korngolds musikalische Werke durch, so muß man sagen, daß sie für sein jugendliches Alter einen nicht unbedeutenden Umfang erreicht haben. Mit fünfundzwanzig Jahren ist es doch etwas zuviel verlangt, aus dem zurüddiegenden Werk für das künftige prognostizieren zu dürfen. Hat man bis heute vergeblich auf die Reaktion des Dämonischen gewartet und sie wird vermutlich auch nicht mehr kommen — so ist damit doch nicht gesagt, daß diese Werke vom rein=musikalischen Standpunkt aus betrachtet, nicht doch eine Höhe erreichen werden, die Korngold zu einem großen Musiker stempeln. Man Bedenke, daß der Zug der heutigen Musik ganz auf das Musikantische, rein Spieferische, von poetischen und psychologischen Kompfexen unßeschwerte Kfangfreudigkeit geht, und daß Korngofd vieffeicht am frühesten eine Art Musik gemacht Bat, wie sie Beute Hindemitß oder Krenek machen. Zwar kommt dazu noch als der große Anreger Arnold Schönßerg, der aus einer immanenten Gesetzlichkeit heraus die Akkordsprengung vollzogen hat und damit dem Musikantischen die Bahn brach,- aber Schönberg ist notwendig mit gedanklicher Problematik belastet, weil er schließlich die Kon^ Sequenzen zu ziehen hatte, während Korngold einfach unbekümmert darauf los musizierte, Akkordauffassungen im alten Sinne sprengte, ohne dabei einer Problematik notwendig später bewußt werden zu müssen. Ist Korngold nicht wie Schönberg ein dämonischer Musiker, so ist er doch — vom rein Musikalischen aus gesehen —- ein unbedingter Musiker. Diese Unbedingtheit ist auch entscheidend. Was mir an Korngolds Musik noch als spezifisch jüdisch erscheint, das ist seine starke Betonung der rhythmischen und melodischen Elemente — etwa die Tanzmotive in »Violanta« und Mariettas Tanz in der »Toten Stadt« als rhythmische Betonung — ,• ebenso die von Meyerbeer und der grande opera her bekannten dekorativen Aufzüge, die er illustrierend umschreibt, aber doch nicht im Sinne der äußeren Nachahmung, wie etwa bei Richard Strauß, sondern mehr im Sinne der orientafischen Musik, die bekanntlich nicht eigentlich denkbar ist ohne den sinnlichen Ausdruck des Tanzes oder des Aufzuges. Man darf überhaupt nicht übersehen, daß die Juden mit dieser Art der rhythmischen Untermalung sinnlicher Vorgänge eine 16