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Das Zelt · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 15

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Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 15 (sequence 23)
Language
German
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ERICH WOLEGANG KORNGOLD Die — rein äußerliche — Parallele mit Mozart trifft auch noch in einem anderen Sinne ganz auffallend zu. Mozart zeigte frühzeitig eine souveräne Beherrschung der technischen Form,- bis nach Mannheim sieht man bei ihm wesentlich einen technisch gerichteten Spieftrieß, dem noch jede persönliche Dämonie fehlte. Natürlich war das die unerbittliche formale Schulung seines Vaters, der bekanntlich ein hervorragender Musikpädagoge war <seine Violinschule ist heute noch eine der besten, die wir kennen). Bei Mozart bewirkte diese frühe Schulung, begreiflich genug, die umgekehrte Manifestation des eigentlich Schöpferischen: seine Kunst ist nicht etwa ein dauerndes Ringen um eine Form, die das Dämonische bändige, sondern das plötzliche Hereinbrechen des Dämonischen über die souverän beherrschte Form. Damit war es nur möglich, daß er die flackernde und zerstörerisch drängende Musikalität in hergebrachte Formen pressen konnte, ohne diese an sich toten Formen zu zersprengen. Erich Wolfgang Korngofd zeigt frühzeitig die gleiche souveräne Handhabung der technischen und formalen Mittel,- es gibt für ihn heute schon kein technisches Problem mehr, das ihm irgendwelche Schwierigkeiten bereiten könnte. Dies verdankt natürlich auch er der Aufsicht seines Vaters <Zemlinsky und Fuchs sind dabei nicht zu vergessen), nicht etwa einer bloß technischen Veranlagung. Wer nach der grandios aufgepeitschten »Violanta« des Sechzehnjährigen oder nach seinen innigen Märchenbildern und Liedern sagen möchte, diese Veranlagung sei nur technischer Art, der vermag Technisches von Essentiell-Musikalischem nicht zu unterscheiden. Allerdings — die Mozartische Dämonie ist bis jetzt ausgeblieben,- aber nicht eben, weil dieser Musik das Elementar-Musikalische fehle, sondern weil in ihr noch kein Etßos durchgebrochen ist wie bei Mozart und — um zu jüdischen Musikern der Gegenwart zu kommen — bei Maßfer, Scßönßerg und Scßreißer*. Jenes jüdische Ethos, das alle Kunst und alles Denken des Judentums dämonisiert — es fehlt Korngold noch. Und darum vermag man heute noch nichts über seine Zukunft zu sagen, es sei denn, daß man ihm diese einfach abspreche, wozu aber bei seinem jugendlichen Alter keine Berechtigung irgendwie vorliegt. II. Erich Wolfgang Korngofd ist ein jüdiseßer Musiker. Das erscheint unzweifelhaft. Es fragt sich nur, wo sein Judentum anfängt und wo es auf- * Vergl. hiezu den Aufsatz: »Zum Problem einer jüdischen Musik« in der Monatsschrift »Der Jude«, VII. Jahrg., Heft 5. hört. Wienerische Sentimentalität wechselt mit puccinesker Triviafität. Aber halt! Haben wir hier nicht wieder die beiden berüchtigten Kennzeichen der jüdischen Musik: Sentimentalität und Trivialität? Sind wir ihnen nicht schon bei Meyerbeer und Offenbach, bei Mendelssohn und Mahler begegnet? Sind es allgemein-menschliche, sind es spezifisch jüdische Merkmale? Wienerische Sentimentalität, puccineske Trivialität: also etwas, was da und dort vorkommt, was überall vorkommt, was nicht spezifisch jüdisch sein kann! Und doch ist es etwas Merkwürdiges um diese beiden Dinge: Sentimentalität und Trivialität. Der Wiener mag sentimental sein, der Italiener trivial: beides zusammen, in solchen Ausmaßen, daß sie zu typisch psychologischen Merkmalen werden können, ist nur der Jude. Sentimentalität hat er nicht erst in Wien gelernt und Trivialität bei den Italienern: sondern dort, wo es vorhanden ist, greift er es vorzugsweise auf, und wo es nicht vorhanden ist, trägt er es hin. Der Franzose ist ganz gewiß nicht sentimental und trivial, aber Meyerbeer, Offenbach und Halevy haben doch in Frankreich sentimentale und triviale Musik gemacht. Es ist nur wichtig, daß wir die falsche Wertung der Sentimentalität und Trivialität aufgebendaß wir sie in die Sphäre des Herzens verlegen, nicht in die Sphäre des Wertlosen. Musik besteht zum. Glück nicht bloß aus Form, sondern auch aus Gehalt,- und wenn der Gehalt kein ideeffer ist, sondern ein wesentlich gefüßfsßafter, so können wir damit nicht einfach sagen, daß es keine Kunst sei. Gewiß ist die ganz große Kunst eine Synthese zwischen Gefühl und Idee, aber wer diese Synthese etwa einem Mendelssohn oder Mahler streitig machen möchte, der hat keine Ahnung von dem, womit diese Musiker Z gerungen haben. (Von Anderen ganz zu schweigen.) Wo wir also bei Juden auf Sentimentalität und Trivialität stoßen — und wir stoßen fast immer auf sie — handelt es sich tatsächlich um ein großes vof&spsycßofogiscßes Moment. Darum gehören diese beiden Merkmale bei Korngofd zu den besonderen Charakteristika seines in der Musik wirksam gewordenen Judentums. Ein anderes wichtiges psychologisches Moment, das auf Korngolds Judentum hinweist, ist die ihm immer heftig vorgeworfene Anpassung. Korngold weiß sich allen Ausdrucksarten und formalen Mitteln, selbst den modernsten, mit einer fabelhaften Sicherheit anzupassen, er vermag alles zu reproduzieren, was er irgendwie einmal gehört hat, weshalb seine Musik schon frühzeitig mit den modernsten Klängen und Klangkombinationen 15

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