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Das Zelt · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 14 (sequence 22)
Language
German
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ERICH WOLTGANG KORNGOLD noch derselbe, wie vor einer Stunde? Da war ich rein. Jetzt drückt ein Verbrechen meine Seele. Gott hat mich verflucht. Welcher? Der Gott der Ebräer? Wie werd' ich Gnade finden vor ihm! KARNA: Unheimlich bist du. AHARON kommt: Bruder, wir werden dich verbergen. Du mußt dich erhalten, für die Deinen, für dein Volk. LIANE bei Mose: Liebster, rette dich! AHARON: Bruder, ich werd' dir den Weg zeigen. LIANE: Was will der Mensch? Er sagt immer »Bruder«? AHARON: Er ist mein Bruder! LIANE: Es ist nicht wahr! AHARON legt den Arm um Moses Schultern: Er ist mein Bruder. Einer wie wir! MOSE stößt ihn fort: Rühr' mich nicht an! AHARON von weitem: Rette dich, Bruder! KARNA: Liane fort! Wir kennen ihn nicht mehr. Will Liane mitziehen. Sie löst sich los. Karna ab. LIANE: Mose, wer bist du? MOSE: Ich bin verwandelt. — Ich bin ein Ebräer. LIANE: Es ist nicht wahr! Du bist Einer der Unsern. Du bist Keiner von diesen Fremdlingen! MOSE: Ich bin's. Verlassen vom Freund. Verlassen vom Volk. Willst du mich nicht erlösen? LIANE leise: Ich kann nicht. Laut: Sag' doch, sag' doch, du bist ein Ägypter, in jedes Elend will ich dir folgen. MOSE: Ich bin ein Aussätziger, ein Hund, ein ebräischer Sklave. Geduckt, streichelt ihr Kleid: Lichta geschöpf, wirst du mit mir gehen? LIANE weicht zurück. Mose erreicht sie noch mit ausgestreckten Händen. LIANE: Ich kann nicht. Ab. MOSE richtet sich auf: So muß ich allein gehen, den Weg in die Wüste. Gott hat mich gesegnet. Gott hat mich verflucht. Welcher Gott ist mein Gott? — Aus tiefem Elend schrei' ich, Herr Gott, nach dir! Vorhang. ERICH WOLFGANG KORNGOLD EIN JÜDISCHER MUSIKER VON HEINRICH BERL I. Für »Wunderkinder« hat man immer Erklärungen, die die Begeisterung der Staunenden herabdrücken. Als Mozart schon frühzeitig mit seinen Kompo* sitionen an die Öffentlichkeit trat, sagte man seinem Vater Leopold gleich nach, er mache zuviel Aufhebens von seinem Sohne. Man schrieb also das rasche Bekanntwerden des Wunderkindes auf das Konto der geschickten Reklame seines Vaters. Leopold ließ sich aber in seinen Musiker^Instinkten nicht beirren,- er bildete seinen Sohn weiter, und was aus ihm geworden ist, das wissen wir allgemein. Hätte Leopold auf die Stimmen der Anklage gehört, so wäre Wolfgang wahrscheinlich mit seinen Talenten verkümmert und es wäre später für ihn um so schwieriger gewesen, mit seiner Überfülle an musikalischen Visionen fertig zu werden. So aber hat der Dreißigjährige ein Werk hinterlassen, das an Ausmaßen nicht dem dichterischen Werk des alten Goethe nachsteht. Der Zufall wollte es, daß just in Wien etwas mehr als hundert Jahre später ein ähnlicher Fall sich wiederholte. Als der junge Erich Wolfgang Korngofcf als Elfjähriger mit seinen ersten Kom= Positionen an die Öffentlichkeit trat, kam man gleich wieder auf den Gedanken, seinen Vater Julius, der an der »Neuen Freien Presse« als Musikkritiker tätig war, dafür verantwortlich zu machen. Den Durchbruch dieser Begabung sah man nicht, man sah nur die privaten Vorteile, die Julius Korngold zweifellos durch seine Kritikertätigkeit hatte, so wie ja auch Leopold Mozart diese Vorteile hatte durch seine Tätigkeit als Musikpädagoge. Darum ist natürlich bis heute noch ein gewisses Vorurteil gegen Erich Wolfgang Korngold im Umlauf, das durchaus unberechtigt ist. Wenn wir auf ihn auch heute noch nicht als historische Erscheinung zurückblicken können, wie auf Mozart, so steht doch zweifellos soviel schon fest, daß das spezifisch Musifiafiscße in ihm lebendige Verkörperung geworden ist. Inwieweit das genügen kann, ihn einmal zum historischen Menschen zu stempeln, mag heute noch — mit Recht — dahingestellt bleiben. 14

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