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Das Zelt · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 12 (sequence 20)
Language
German
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DER BERG IN DER WÜSTE Linie des Rüdeens, darüber schweres, blauschwarzes Haar. Die elastisch gewölbten Füße, ihre Beine, die weißen Schenkel, emporsteigend aus dem Wasser, wie Perlmutter scheinend in der Abendsonne. Die rosigen festen Brüste, die runden Hüften, die ich berühren möchte. Ach, ich möchte die Luft sein, die sie durchschreiten, die ihre Glieder umspült. Ich möchte ein Mund sein, heißer Mund auf dem kühlen Körper, ein durstiges Lippenpaar. Ich möchte sie küssen, überall, überall hin. MOSE: Karna, es war nicht gut, daß du so zu mir gesprochen hast. Ich werde deine Schwester nie mehr ansehen können, ohne daß sie nackt dasteht, ohne daß die Kleider abfallen vor meinen Blicken. KARNA: Die Liane hast du gern? MOSE: Wenn ich sie küssen könnte! Ich fange ja zu zittern an, wenn ich in ihrer Nähe bin. — Es ist für mich so unmöglich, wie es für die Lastträger da unten unmöglich ist. KARNA: Da kommt sie gerade und sucht uns. LIANE kommt: Karna, Mose, wo steckt ihr denn die ganze Zeit? KARNA: Wir haben gebadet, wir sind geschwommen. Jetzt liegen wir in der Sonne. Kommst du nicht herauf? MOSE: Bitte, komm' zu uns. LIANE: Dieses schmale Brett soll ich hinaufsteigen? KARNA lacht: Liebes Schwesterlein, ich weiß eine Geschichte! MOSE: Untersteh dich, etwas zu sagen! Wir hätten das letztemal miteinander gesprochen. KARNA: Aber beruhige dich. Ich verrate nichts. Übrigens war es ganz harmlos. LIANE: Warum seid ihr so verlegen? Was habt ihr gesprochen? KARNA: Nun, wir haben Pläne gemacht, was wir werden wollen . . . LIANE: Mose, was willst du werden? KARNA: Mich fragst du gar nichts? Eine liebenswürdige Schwester hab' ich. Unterhaltet euch allein miteinander. Mir ist das zu langweilig. Da schau7 ich lieber deinen ebräischen Freunden zu. Ab. LIANE setzt sieb hin: Also, was willst du werden? Willst du Oberpriester des Ammon=Ra werden? Oder willst du Statthalter von Lybien werden? Oder willst du mehr? Willst du der Vogel Phönix sein? Denk' dir, ich sei eine Zauberin und könnte alle deine Wünsche erfüllen. MOSE: Lichtgeschöpf! Kannst du zaubern? Kannst du mich frei machen? LIANE: O ja, erzähl' mir nur, was du dir wünschest. MOSE: Ich möchte weit, weit weg sein. Weit von Ägypten, weit von den Menschen. In einem fremden Land, auf einer Bergwiese an einem Fluß, wie es solche geben soll in den Ländern im Norden. LIANE: Gut, wir sind auf der Wiese. MOSE: Eine Schar junger Pferde stürmt durch das wilde Wasser. Ich renne hinter dem mutigsten helU braunen Roß. Ich kralle mich in seine Mähne. Ich schwinge midi auf seinen Rüdten. Ich laß mich nicht abwerfen. Ich muß nichts mehr wissen. Ich muß nichts mehr denken. Ich reite, reite, reite . . . LIANE: Wohin reitest du? MOSE: Zu dir! LIANE: Findest du mich? MOSE: Immer such' ich dich. Ich reite Tag und Nacht, über Berg und Tal, über Steingeröll, immer entschwindest du mir. Aber einmal nähere ich midi im Wald einer Quelle. Da zersprengt es mir die Brust, vor Glück, vor Schmerz. Bei der Quelle sitzt du! LIANE: Reiter, warum bist du nicht früher gekommen? MOSE: Wälder und Ströme waren zwischen dir und mir. Dornendickicht war zwischen dir und mir. LIANE: Ja, die Dornen haben dein Gesicht zerkratzt. Ich muß dir das Blut abwischen. Fährt über seine Wange. Reiter, willst du nicht absteigen? MOSE: Es hilft ja nichts, ich muß wieder fort. LIANE: Warum mußt du fort? Reiter, warum bist du so traurig? Was quält dich? MOSE: Ich bin verzaubert. Da ist Niemand, der midi erlöst. LIANE: Was muß man tun, um dich zu erlösen? MOSE: Ich will's noch nicht aussprechen. Jetzt hab' ich noch ein wenig Hoffnung. Jetzt darf ich noch bei dir sein. Jetzt darf ich dich noch ansehen. Sobald ich das Geheimnis verrate, werd' ich verwandelt in etwas Verächtliches. Dann stößt du mich fort. LIANE: Kann ich dich nicht erlösen? MOSE: Es ist unmöglich. LIANE: Was soll ich für dich tun? MOSE: Es ist unmöglich. — Du müßtest mich lieb haben. LIANE: Sonst nichts? MOSE: Du müßtest wissen, wer ich in Wirklich^ keit bin und müßtest midi doch aus Herzensgrund lieb haben. LIANE: Sonst nichts? Ich will's versuchen. Beugt sich über ihn, sie küssen sich lang. 12

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