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Das Zelt · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 11 (sequence 19)
Language
German
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DER BERG IN DER WÜSTE AHARON sicfi aufrichtend, stark: Weißt du, wer du bist? — Du bist Einer wie wir,- — du bist ein Ebräer. MOSE: Narr! Narr! Ich bin erzogen in des Königs Palast, wie die Andern aus edelstem Blut. AHARON: Als du geboren wurdest, ging ein Gesetz aus von Pharao, daß jeder Neugeborene aus unserm Stamm zu töten war. Da machte deine Mutter zitternd ein Körbchen aus Binsen, legte dich hinein und setzte dich aus am Ufer des Nils, hoffend zu Gott, Die Fürstin fand dich und hatte Mitleid mit dir, weinendem Kind. So wardst du gerettet. MOSE: Du bist ein Betrüger. Du bist wahnsinnig. Woher ersinnst du diese ungeheuerliche Geschichte? AHARON: Erinnere dich deiner Pflegerin! MOSE: Ja — sie hatte eine weiße Haarflechte im dunkeln Haar. AHARON: Das war sie. Sie hat dich geboren. MOSE: Lüge! Unmöglich! Woher weißt du, gerade du, diese Dinge? AHARON: Eine Mutter trug uns unter dem Herzen. Ich bin dein Bruder. AUFSEHER: Was drängst du dich an die Herren dieses Reichs? Fort mit dir! Schlepp' deine Last, sonst werd' ich dir Beine machen! AHARON zu Mose: Hilf uns! Rette uns! Ab. KARNA: Bruder Mose, komm' herauf! MOSE aufs Dach der Schiffshütte steigend: Oben! Ich bin oben! Wie ist es möglich, daß hier die Luft so leicht, so kühl ist, und unten im Ziegelglutstaub so schwer. KARNA: Wer war der Mann, mit dem du gesprochen hast? MOSE: Wie meinst du? — Das war ein Ebräer, ein Märchenerzähler. KARNA: Gibt es auch Menschen, die Märchen erzählen, unter diesen Leuten? MOSE: Sehe ich verändert aus? KARNA: O ja, Bruder! — Warum erschrickst du? Du hast dich sehr verändert. Das war ein gutes Jahr für dich. Du bist gewachsen. Deine braune Haut spannt sich glänzend und straff. Manche Frau sieht dir nach. Bruder Mose, leg' dich nieder zu mir, auf die warmen Bretter. Wir haben sie ganz naß gemacht mit dem Nilwasser. Das wird bald trodtnen. Du! Was wird das für ein Leben werden. MOSE leise: Mir graut vor dem Leben. KARNA: Idi glaub', es muß etwas kommen, etwas Neues, Schönes, Ungeahntes. — Warum bist du ganz still? MOSE: Ich möchte noch einmal in den Fluß springen, etwas Unreines wegschwemmen. — Ich denk' nicht mehr daran. Alles ist nicht wahr. Ich seh' die Welt nur noch durch die Wimpern. KARNA streckt die Arme aus: Ich bin so glücklich, so frisch von dem Herumplätschern. Die Wasser^ fläche liegt da, wie ein Spiegel aus schmelzendem Silber. Spürst du, wie das nasse Holz duftet? Jetzt wird die Feuchtigkeit von der Sonne aufgesaugt. Ich möchte die ganzen Tage so daljegen und mich bescheinen lassen. Belädene Ebräer gehen vorbei. MOSE: Ich schäme mich dieses Nichtstuns. Wozu bin ich da? Wozu leb' ich? Alle arbeiten. Dort unten keuchen sie,- schweißbedeckt schleppen sie Ziegel zu den Bauten des Königs. KARNA: Die sind zum Arbeiten auf der Welt. Ebräische Sklaven. MOSE: Schau', ein alter Mann. Er kann nicht weiter. KARNA: Verrecken soll er. Alle sollen sie verrecken. Oder auswandern. Ein schmutziges Volk. MOSE: Meine Amme hat mir einmal erzählt von einem unsichtbaren, großen Gott, und daß wir alle abstammen von einem Elternpaar. KARNA: Ein Advokat der Ebräer könnte nicht besser sprechen als du. Lind du bist doch der Sohn der Prinzessin. MOSE: Wer weiß, was ich bin? KARNA: Ich werde dir sagen, was du bist. Du bist ein Träumer. Du machst vielleicht heimlich Verse. Es gibt freilich Dinge, wunderbare Dinge zum Träumen, von denen du keine Ahnung hast. — Jetzt denk' einmal nicht an die Ebräer. Soll ich dir was erzählen? MOSE: Erzähl' mir. KARNA: Du weißt, ich geh'gern des Abends am Nil im Schilf. Dort nahe bei des Königs Palast... MOSE: Dort fand sie ein Körbchen aus Binsen. KARNA: Nein. Dort hab ich Mädchen baden gesehen. MOSE: Die Prinzessin mit ihren Gespielinnen? KARNA: Ich glaub', es waren Wäscherinnen. Aber wenn sie ausgezogen sind, merkt man keinen Unterschied. Helle runde Glieder sind aufgetaucht und versunken, haben geleuchtet aus durchsichtiger Flut. Sie haben gelacht, sie haben gespielt. Sie haben sich gehascht im Wasser. — Mensch, du hörst ja nicht zu! MOSE: O ja, ich höre zu, ich will zuhören. KARNA: O du, wie schön sie sind, Mädchen. Sie waren nackt. Ich habe alles geschaut, alles. Die nasse 11

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