Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE TREU DE ALLER TREUDEN »Und ihr Feuer wird nie verlöschen,« wie es beim Propheten Jesaja heißt. Und wie er so schaut, geht die Türe rechts auf und der Fürsprech tritt mit einem Päckchen frommer Verdienste unter dem Arm in die Stube. Es ist ein kleines Päckchen. Fromme Verdienste und goti> gefällige Werke waren in diesem Jahre schlecht geraten. Er sieht, daß die Türe gegenüber noch zu ist und begreift, daß man dort drüben etwas mehr Zeit braucht, um die Akten herbeizuschaffen: Das Jahr war für den Ankläger besonders günstig gewesen! Legt er sein Päckchen auf den Tisch, setzt sich hin und läßt den Kopf traurig hängen. Nach einer Weile geht die Türe links auf und zwei schwer bepackte Teufel kommen herein. Sie brechen unter der Last beinahe zusammen. Man hört ihre Knochen knacken. Nachdem sie die Last von sich geworfen haben, sagen sie im Hinaus^ gehen so laut, daß es der Fürsprech hören soll: »Es ist nicht einmal der zehnte Teil. Wir werden noch viel zu schleppen haben. Die kleineren Teufel sind alle mit dem Einsammeln beschäftigt. Es sind schwere Mengen!« Wird dem Fürsprech gar traurig zumute. Er bedeckt das Gesicht mit den Händen- und seufzt. Er glaubt, daß ihn niemand hört. Die Himmlischen sind noch abwesend. Die Frommen im Paradiese sind in die Thora vertieft. Und die Hölle ist leer. Sitzt aber unter den Heiligen im Paradiese auch Rabbi Levi=Jizchok von Berditschew. Lind er hört den Seufzer! Er allein hat noch nicht vergessen, daß für die, die unten im Finstern wandeln, heute ein Tag des Gerichtes ist. Wenn heute jemand hier in der Welt der Wahrheit seufzt, so gilt der Seufzer sicher Denen dort unten. Er hält im Lernen inne und sieht sich um. Und er sieht, wer es war: der Fürsprech in der Gerichtsstube hat geseufzt! Nun muß er unbedingt die Ursache erfahren. Ist Rabbi Levi=Jizchok nicht faul, steht leise mitten in einem Abschnitt auf, schleicht auf den Fußspitzen aus dem Paradiese in die Gerichtsstube und sieht das kleine Päckchen und den großen Pack ... Er merkt sofort, wie die Dinge stehen . . . Rabbi Levi- Jizchok kommt, ohne es sich lange zu überlegen, näher, hebt mit allen Kräften den Pack und schleudert ihn über den Tisch durch die offene Türe links in die Hölle, in das ewige Höllenfeuer. Und der Pack brennt und verbrennt. Kommen zwei andere Teufel mit einem neuen Pack. Und wie sie hinausgegangen sind, ergreift Rabbi Levi=Jizchok auch diesen Pack und schleudert ihn in die Hölle. Der Pack brennt und verbrennt. Weg ist er! Und dasselbe macht er mit dem dritten und vierten und mit jedem folgenden Pack. Sobald die Teufel den Rücken kehren, fliegen die Packe ihren Weg. Schließlich — der letzte Pack brennt noch — kommt Asmodi in eigener Person in die Gerichtsstube. Stolz und siegesbewußt tritt er ein. Wehe! Alle seine Ballen sind spurlos verschwunden! Er sieht sich um, sieht, was da brennt, und sieht auch Rabbi Levi=Jizchok, der gerade im Begriff ist, davonzuschleichen. Er ist ja nicht dumm, begreift sofort den Zusammenhang, packt den Rabbi bei der Hand und schreit: »Gauner! Dieb!«, daß es durch alle Himmel schallt! Alle Heiligen aus dem Paradiese laufen herbei. Auch die Himmlischen kommen herein. Der Für= Sprech springt auf. »Was ist geschehen?« Erzählt er, der Teufel, was geschehen ist. Er hat Rabbi Levi^Jizchok auf frischer Tat ertappt, der letzte Pack brennt noch. Es war der schwerste Pack. Er spricht die Wahrheit, Rabbi LevUjizchok leugnet es gar nicht. Ja, er hat es getan. Fragt man den Teufel, was für eine Genüge tuung er dafür verlangt. Der überlegt es sich nicht lange. Er will, daß man nach dem Buchstaben des Gesetzes verfahre. Es steht geschrieben: »Man verkaufe ihn um seinen Diebstahl.« Man soll also Rabbi Levi^Jizchok zum Knecht verkaufen. Lind zwar gleich auf der Stelle, öffentlich in der Gerichtsstube. Ein Jeder soll ihn kaufen dürfen. Auch er selbst wäre nicht abgeneigt. Er wird schon auf seine Kosten kommen. Recht hat er ja. Das müssen auch die Himmlischen zugeben. Rabbi Levi= Jizchok soll öffentlich versteigert werden. Und die Himmlischen sind davon überzeugt, daß Rabbi Levi= Jizchok nicht zugrunde gehen wird: das Paradies wird es nicht zulassen. Und Alle stellen sich zu beiden Seiten der Wage auf: der Teufel links und das ganze Paradies rechts. Rabbi LevUjizchok steht in der Mitte, so ruhig, als ob es gar nicht um ihn ginge. Und man beginnt die Kaufsummen in die Wagschalen zu werfen. Und man steigert! Die Himmlischen sitzen vor dem Tisch und schauen zu. Kommt unser Vater Abraham und wirft in die Wagschale sein erstes frommes Werk,- und als Zulage seine Gastfreundlichkeit. Nach ihm kommt Isaak und bringt seine Opferung,- Jakob — seine Frömmigkeit und den Eifer, mit dem er in seinem Zelte lernte, während Esau mit Waffen durch die Wälder zog .. . Nach Jakob kommt Rahe! und wirft ihre Blumen, die Dudaim, in die Wagschale. Dann kommen die anderen Erzmütter und alle Heiligen . . . Ein Jeder bringt sein köstlichstes Gut. Der Teufel hat aber in seinem Reiche verborgene Schätze ohne Zahl. Und er türmt sie in der linken 3