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Das Zelt · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 2

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Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 2 (sequence 9)
Language
German
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DIE FREUDE ALLER FREUDEN VON J. L. PEREE J. L. Perez (geßoren 1851 in Zamosc), ursprüngficß Advoßat, später Angesteffterder Warschauer Kuftusgemeinde, war der stärkste und vofßstümfidjste Scßifderer des ostfiidiscßen Leßens. Er ivar der Erste, der individueffpsyaSofogisaSe Efetnente in die jiddiscße Literatur ßracßtc. Eine große Anzaßf von Werken maaSen ihn zum großartigsten DiSter des Cßassidismus, zum waßrßa/t jiidisdien DiSter. Er starb 1916. - Efiasßerg, der Ußersetzer des vorlegenden StüaSes, ein bekannter Übersetzer aus dem Russiscßen und Jiddisdien, wurde in den fetzten Tagen - trotz scßtverer Kranßßeir - von der ßayeriscßen Regierung aus Müncßen ausgewiesen, lväßrendseine Trau in die Strafanstaft Airacß geßraeßt wurde. Wie bekannt, ist bei uns Chassidim Rosche Haschono das fröhlichste Fest. Wir sind ja keine Misnagdim. Wir zittern nicht so wie sie vor dem Tage des Gerichts. Wir «wissen ja, daß wir nicht vor einen fremden Richter treten: unser eigener Vater richtet uns! Darum nehmen wir auch einen Schluck Wein und wagen nach dem Beten ein Tänzchen . . . Einmal hallen wir aber ein Rosch^Haschono, das über alle Rosch=Haschonos erhaben war. Der Tag fing ganz gewöhnlich an, aber gleich am Morgen vor dem Mussef loderte die Flamme auf! Und es kam so: Der Alte erlaubt in den furchtbaren Tagen Niemand, vor das Vorbeterpult zu treten: er will sich auf Niemand verlassen! Darum betet er selbst vor. Wie er betet, brauche ich euch wohl nicht zu erzählen. Er betet also vor und kommt zu der Stelle: »L'ejl ejrech din« — »Dem Herrn, der zu Gericht sitzt.« Und er beginnt mit seiner bekannten süßen Stimme: »L'ejl ejrech din!« Herzen zittern, Himmel spalten sich! Und es geht immer weiter und weiter: »Lewejchejn lewowejs« — »Der die Herzen erforscht . . .« — «Legejle amukejs« . — »Der die Tiefen ergründet . . .« Wie er aber zu: »Lezejfe nistorejs« — »Der das Verborgene enthüllt« kommt, bricht seine Stimme. Sie beginnt so eigentümlich zu zittern. Auch sein Tonfall ist plötzlich verändert. »Lekejne« — »der kauft« klingt kaum hörbar,- »awodow« — »Seine Knechte« spricht er mit Zweifel, »badin« — »Vor Gericht« mit Ohnmacht. Und plötzlich verstummt er ganz! Er schweigt einen Augenblick, zwei, drei Augenblicke. Jeder Augenblidv ist wie ein Jahr. Allen stockt der Atem. Die Weiberschul ist starr vor Entsetzen. Plötzlich geht ihm ein Zittern durch alle Glieder. Und die von Schreck und Trauer erfüllte Stille wird durch den jubelnden Schrei zerrissen: »Und der sich seines Volkes erbarmt am Tage des Gerichts!« Und er läßt einen langen, süßen Triller erklingen. Alle seine Glieder beben und die Füße tänzeln vor dem Vorbeterpult. Und so geht es bis zum Schluß des Morgengebetes. Wie mit neuen Kräften. Vor Mussef erzählte er uns aber, was geschehen war. Eine Kleinigkeit war geschehen! Wenn man aus einem Gebetbuche betet, eilen die Augen bekanntlich den Lippen voraus. Wenn die Lippen des Alten: »Lezejfe nistorejs« sprechen, sehen seine Augen schon: »Lekejne awodow« — »Der seine Knechte kauft.« Und wie er diese Worte erblickt, fällt ihm plötzlich ein, daß sie ihm ganz unverständlich sind, daß er ihren Sinn nicht begreift. Was soll das heißen? Wer kauft Knechte vor Gericht? Er findet keine Antwort. Er ist plötzlich verwirrt und schweigt. Dort oben will man natürlich nicht, daß das Gebet des Alten zerrissen wird. Darum zeigt man ihm auch gleich den Sinn jener Worte. Und wie er die Augen schließt, um über die Frage nachzudenken, spaltet sich plötzlich der Himmel und er blickt hinein. Die Gerichtsstube sieht er! Die Stube des Höchsten Gerichtes! Die Stätte des wahren Rechtes! Er sieht den Tisch und die Wage. Es ist aber wohl zu früh. Die Stube ist noch leer. Sieht er sich indessen in der Stube um. Fünf Türen sind da. Je eine Türe zu beiden Seiten: rechts eine Türe und links eine Türe. Über der Türe rechts steht geschrieben: »Fürsprech.« Durch diese Türe wird er kommen. Über der Türe links: »Ankläger.« Drei Türen sind in der Ostwand hinter dem Tisch. Die Mitteltür ist geschlossen, die Türen rechts und links sind offen. Über der verschlossenen Mitteltüre steht geschrieben: »Himmlische Heerscharen.« Und er sieht durch die beiden anderen Türen: Rechts das offene Paradies. Gerechte und Erzväter, vom Abglanze der göttlichen Majestät überstrahlt, sitzen mit Kronen auf den Häuptern da und lernen. Der Tag des Gerichtes geht sie wohl nichts an! Und links — die offene Hölle. In der Hölle ist es still. Die Hölle ist leer. Am Feiertage wird nicht gestraft. Die Sünder sind heute frei und die Teufel wohl; mit irgendeiner anderen Arbeit beschäftigt. Im Laufe der Geschichte werdet ihr erfahren, womit sie!|L beschäftigt sind. Aber das höllische Feuer brennt. 2

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