Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1857)
- Date
- 1857-12-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Geschichte. 361 Die Schuld liegt: I. an Vorurth eilen; Il.an der bisherigenUnbrauchbarkeit derHülfsmittel für diesen Unterrichtszweig; in der Mangel, haften Bildung der Lehrer und der Unbekanntschaft vieler S ch ulin sp e ctore n mit diesem Gegenstande, III. an dem Mangel an richtiger Würdigung dieser Disctplln. Wir bitten den Leser diesen dreifach geschürzten Knoten mit uns einer näheren Prüfung zu unterziehen. I. Zuvörderst ruft das Vorurtheil mit lauter Stimme: 1. Die jüdische Geschichte ist nicht so einfach, faßlich und überschaubar, wie die biblische Geschichte; sie ist den Kindern zu schwer, zunächst ivegen der totalen Verschiedenheit der Zustände der alten Israeliten mit den unsrigen, und der Frcmdartigkeit der auftretenden Persönlichkeiten, zu deren Verständniß ein erweiterter Gesichtskreis, eine starke Anschauungs- und Beurtheiluugs Fähigkeit, vorzüglich aber die Gabe erforderlich sei, sich in fremde Situationen zu versetzen und fremde Gemüthsbewegungen und Triebfedern zu erfassen, was Alles bei dem Kinde nicht vorausgesetzt werden kann; und dann könne dem Schüler doch nnr eine trockene Nomenklatur, können nur todte Zahlen und Worte mitgetheilt werden, die mehr Intereffe tödtend, als belebend wirken, was alle Voraussetzungen einer segensreichen Wirkung illusorisch mache. Kurz, die jüdische Geschichte führe das Kind in einen Kreis, wo es sich abgestoßen, fremd, rathlos fühle. Ausserdem sei sie nur eine Passionsgeschichtt, berichte nur von traurigen Verirrungen der Menschen, von fanatischen Verfolgungen, pöbelhasten Hetzjagden, pfasfischer List und Tücken, was Alles das jugendliche Herz nicht erquicken, Geist und Gemüth der Kinder nicht bilden könne. Wer diese Sprache führt, kennt entweder die jüdische Geschichte oder die Kräfte der Kinder nicht. Wenn Niemand bestreitet, daß Universal- und Special-Geschichte selbst in der kleinsten Dorfschule gelehrt werden könne, so ist von Vornherein nicht abzusehen, warum die jüdische Geschichte, deren Inhalt dem jüdischen Kinde durchaus nicht fern liegt, das Fassungsvermögen des Kindes übersteigen sollte. Jede Geschichte, also auch die jw dische, beruht auf Ereignissen, auf Tatsachen, auf anschaulichen Verhältnissen und diese sind immer leichter, als abstracte Erörterungen, die abseits des kindlichen Horizontes liegen, aber dennoch w den Kreis der Unterrichts-Gegenstünde gezogen werden.