Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 11 (November 1857)
- Date
- 1857-11-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden im Mittelalter. 331 überall erlitten haben, knüpfen wir die einfachen, aber ernsten und wohl zu erwägenden Fragen: Ist es, dieser fast zwektausend-- Mrigen Mißhandlung gegenüber, recht und billig, den Juden ihre Abneigung gegen das Christenthum, sowie ihr nationales M Zusammenhalten, zum Vorwurfe zu machen, und es als einen Grund für ihre Ausschließnng'Äom Staatsbürgerrecht zu betrachten? Dürfen wir ihnen ihre Vorliebe für die materiellen Interessen zur Last legen, so lange wir ihnen den Weg zu den idealen und höheren Mserü'verspewen und^ ihrem Streben kein edleres Ziel vorhalten? Können wir von sittlichen Fehlern der Juden reden und dabei vergessen, daß die Vlnthe der Sittlichkeit und Humanität nur im Mande Her Freiheit gedeiht, daß dagegen ein verachtetes, verspottete's, gektt echtstes und mit dem Banne belegtes Volk nur schwer -sich emporarbeiten kann? Wahrlich, wenn die Juden nicht ein in der Geschichte so ausgezeichnetes Volk wären, und wenn sie nicht immer noch von einer ruhmvollen Vergangenheit zehren und sich daran aufrichten Wnnten^ so.rmüßten sie längst tief gesunken sein durch die Schuld 5er - Christen; und anstatt sie zu verdammen, sollten wir uns vielmehr beeilen,' unsere eigene Schulden zu tilgen und unser mehr als tausendjähriges Unrecht zu sühnen. Die alten Griechen waren ein edles lind herrliches Volk; was sind aber ihre Nachkommen unter dem -türkischen Joche geworden? Sie sind das wirklich und in-einem weit höheren Grade, was ihr den Juden, größtentheils miw! Unrecht zum Vorwurfe macht, nämlich eine Bande listiger BeMger/ a'Sgefeimter Spitzbuben und verwegener Straßenräuber. Selbst -das- Christenthum konnte ihren sittlichen Verfall nicht verhüten; und/ues wird noch eine geraume Zeit währen, bis sie wieder -eine -ehrenvollere Stellung in der Geschichte einnehmen werden. Wollte der Jude unsere Religion eben so ungerecht beürtheilen/ als wie wir oft die fsinige, so könnte eS ihm nicht schwer , fallen'/ dis Verschlechterung der Neugriechen geradezu mit dem- Christen:hum in Verbindung zu bringen. — Zum-Schkrß will ich den christlichen Judenfeinden nur noch folgende /Stellen aus dem 'mosaischen Gesetze in daS Gedächtniß rufen':. .-,, Wenn-ein Fremdling bei dir in euerem Lande wohnen wLrd^ den-sollt ihr^ nicht schinden. Er soll bei euch wohnen, wie ein Einheimischer unter euch, und ihr sollt ihn lieben wie euch selbst; denn ihr seid "auch Fremdlinge gewesen in Cgyptenlande." (3 Mos. 19, ,Z3.)5 „Es soll einerlei Recht unter euch sein, dem Fremdling , Wi5 -dem Einheimischen; denn ich bin der Herr, euer Gott." (3 Mos. 24, 22.) Sagt, war nicht jener Moses weit lieberaier, alö^ die chtutigen Ritter des „christlichen Staates?" — G. F. Schlatter.