Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 2 (1852)
- Issue
- Heft 8 (August 1852)
- Date
- 1852-08-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Predigt. Was ist Sünde? 197 dursten zur Erklärung ihrer Ausdrücke keines Dolmetschers; die Opserhandlung stand als belehrendes, bedeutungsvolles Sinnbild da, die dichterische Anschauung des kindlichen Gemüthes erblickte und verstand sie ohne Erklärung, ohne Ermahnung. Vor unserem nüchternen, kalten Nachdenken liegen darum so manche sinnbildlichen, bedeutungsvollen Handlungen wie verhüllte Räthsel und harren des erklärenden Wortes, welches den dichten Schleier zu lüften Versucht. In der Opferhandlung des Versöhnungstages erblickte der Israelit das Bild feiner Versöhnung mit dem allgütigen Schöpfer; der Israelit erkannte reuevoll seine Sünde, fühlte sich niedergebeugt ob seines Falls, hörte die Ermahnung sich wieder zu erheben, der Sünde zu entsagen und seiner Bestimmung gemäß das Leben dem Höchsten zu weihen. Dieser Zweck soll aber auch noch jetzt für uns der Versöhnungstag besitzen, auch uns sott er ja zu diesem erhabenen Ziele führen, auch uns soll er ja versöhnen mit dem höchsten Wesen; darum möge diese Opferhandlung auch für uns eine Lehrerin sein, die uns anleitet zur Versöhnung mit unserem Vater im Himmel, indem sie uns über das Wesen der Sünde Belehrung und Aufschluß gibt.— „ Der Bock, auf welchen das Loos gekommen: für Asasel, soll lebendig hingestellt werden vor den Ewigen, mn zu versöhnen auf demselben; 1^ „um durch ihn zuzudecken," zuzudecken mit der göttlichen Liebe die Sünden, welche Israel begangen hat; denn das Geschehene kann niemals zum Ungeschehenen, die Handlung, einmal vollzogen, kann niemals wieder hinweggewischt werden; sie bleibt; aber der Allmächtige kann sie zudecken, und hierdurch ist sie für den Menschen aufgehoben, nicht mehr da. Welche sind aber die Handlungen, die der Allmächtige zudecken muß? welche bezeichnen wir als Sünden, die der Verzeihung bedürfen? — Sünde ist ein Fehler, welchen wir dadurch uns zu Schulden kommen lassen, daß wir den Weg verfehlen, den zu wandeln der Allmächtige uns vorzeichnete. Der Schöpfer bestimmte für jedes seiner Geschöpfe einen Weg, auf dem es wandeln soll; jedes Geschöpf hat seine Bestimmung, seinen Beruf. Das vernunftlose Geschöpf muß seine Bestimmung erfüllen, es kann nicht anders, ihm fehlt die Freiheit; der Mensch aber, geschaffen nach dem Ebenbilde Gottes, mit Ver-